Konzert

Im Trockendock der Avantgarde

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Happy New Ears mit Werken Olga Neuwirths.

Olga Neuwirth, die gerade im Bockenheimer Depot mit ihrer Oper „Lost Highway“ präsent gewesen war, bei Happy New Ears. Auf eines der Brandenburgischen Konzerte Johann Sebastian Bachs hat sie sich jüngst bezogen. Ergebnis eines Auftrags aus Schweden, wo man alle sechs Konzerte des Meisters von zeitgenössischen Kollegen revitalisiert sehen wollte.

Ihr war das vierte der Konzerte zugefallen, das jetzt in der Oper Frankfurt als ein „Ballet mécanomorphe“ für Solo-Flöte, 2 Trompeten, Streicher, Synthesizer und Schreibmaschine erklang. Denn Neuwirth hatte, zumindest in den Außensätzen, die barocke Mechanik der metrischen Ordnung und ihre Übersetzung in das Räderwerk der einzelnen Stimmen in Sinn und Ohr. Entsprechend ratternd und wispernd und in harmonischer Schieflage erklang die Vorlage, deren jetzt unterkomplex gewordene Zappellogik an die ermüdenden Scherze und Stimmungsmacher auf entsprechenden Vordiplom-Feiern erinnerte. Aufhorchen ließ die Klangwolke des langsamen Mittelsatzes, wo sich eine sensualistische, traumverlorene Atmosphäre auszubreiten anschickte.

Olaf A. Schmitt war ein eloquenter Moderator, der seit drei Jahren künstlerischer Leiter der Kasseler Musiktage ist, von wo das Neuwirth-Programm für Frankfurt übernommen war. Auch Karsten Januschka, der schon die Neuwirth-Produktion im Bockenheimer Depot geleitet hatte, zeigte sich souverän in der Führung des mit eigensinnigen Klang-Emissionen beschäftigten Ensemble Modern.

Die andere Künstler-Beziehung des Abends galt einem, auf den das Wort vom Grenzgänger tatsächlich einmal zutrifft. Auf Klaus Nomi (1944-83), der zwischen klassischer Hoch- und zeitgenössischer Pop-Kultur ohne Auftrags- und Stipendien-Alimentierung navigierte. Zugleich seine Stimme früh dem counter-tenoralen Gesang erschloss und damit den Spagat zwischen E und U gleichsam verdoppelte. Unvergessen sein Auftritt mit der „Mon coeur“-Arie aus Camille Saint-Saëns „Samson und Dalila“ in der Irving Plaza 1978. Unvergessen auch sein Besuch bei Thomas Gottschalk im März 1982 zusammen mit Kraftwerk und Dschingis Khan.

Neuwirth hat Nomi 2008 eine Hommage gewidmet und einige seiner bekanntesten Songs mit neutönerischem Zierrat versehen, der gänzlich unpassend ist. Das wahrhaft Bodenlose seiner steif-exaltierten Expression ist dabei ins geräuschintensive Trockendock der institutionalisierten Avantgarde-Harmlosigkeiten geraten. Nicht schlecht gemacht als Hommage à Neuwirth herself. Zudem eine blendende Gelegenheit für den Nomi-Imitator Counter-Tenor Daniel Gloger.

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