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Jeder hat Spiel-Raum im Trio.  

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Trio Grünen: „Disenjambment“: Musikalischer Stoffwechsel

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Das Trio Grünen und sein neues Album „Disenjambment“.

Das eine oder andere Rätsel gäbe es schon, aber ob Lösungen existieren und, wenn ja, ob sie weiterhelfen könnten? Erwähnen wir wenigstens kurz das erste Rätsel: Was soll der Titel „Disenjambment“? Philologen kennen vielleicht das deutsche Wort „Enjambement“, das aus dem Französischen stammt und angewandt wird für ein lyrisches Stilmittel; das englische „enjambment“ wird bündig mit „Zeilensprung“ übersetzt. Was aber sollte das mit diesem „dis-“ davor meinen? Schwierig.

Wie zu erwarten, gibt die Musik keine Antwort auf solche verbalen Fragen. Die Musik des Trios „Grünen“ erscheint selbst irgendwie enigmatisch. Als Jazz würde man das nicht unbedingt bezeichnen, dazu ist alles scheinbar zu formlos, zu vieldeutig, rhythmisch zu wenig expressiv. Andererseits ist es Musik, in der komponierte und improvisierte Anteile in einem Verhältnis stehen, das in der akademischen Neuen Musik so nicht vorkäme. Sie folgt keinen leicht erkennbaren Schemata, sie trennt nicht zwischen Zuständigkeiten für die verschiedenen Parameter, alle drei Instrumentalisten sind gleichermaßen und jederzeit für Klang, Rhythmus, Energie verantwortlich; für etwas wie Melodik oder Harmonik interessiert sich allerdings niemand so recht.

Was aber bei diesem Trio-Spiel herauskommt an dichten und kompakten Prozessen, an musikalischen Ereignisfolgen und -konstellationen, an gleichgerichteten Überlagerungen und gegenläufigen Gesten und Bewegungen, an Beharrung und forschen Impulsen, das ist dann doch erstaunlich und manchmal geradezu atemberaubend. Und es belohnt intensives Zuhören reich. Eine starke Unmittelbarkeit herrscht in dieser Musik, indem das, was erklingt, zugleich hörbar immer ein Geschehen, eine Aktion, ein Prozess der Kooperation und Differenzierung ist.

Achim Kaufmann, Pianist der Gruppe, wird als Komponist genannt, ohne dass man genauer erführe, was „komponieren“ in diesem Kontext bedeuten könnte. Es ist jedenfalls eine Arbeit weit jenseits der im Jazz üblichen Notation von thematischem Material. Ob bestimmte Abläufe des Spielprozesses geplant oder gar vorgeschrieben werden, ob ein Klang-Reservoire vorgegeben ist oder ob manchmal einfach dynamische und agogische Festschreibungen genügen müssen, erfährt man als Hörer nicht.

Und vielleicht ist es auch für das Ergebnis einigermaßen gleichgültig. Das fünfte Stück von den neunen des Albums – also das genau in die Mitte der Liste gesetzte – trägt als Titel den Namen der fleischfressenden tropischen Pflanzengattung „Nepenthes“ und nennt als Komponisten das Trio. Noch ein Rätsel. Markante strukturelle Unterschiede zu den anderen Stücken sind darin gleichwohl nicht auszumachen.

„Disenjambment“ besteht also offenbar aus den ungemein komplexen Reaktionsweisen dreier überaus raffinierter und feinsinnig agierender Musiker aufeinander und miteinander, auf einer gemeinsamen, „Komposition“ genannten Basis. Niemand schiebt sich in irgendeinen Mittelpunkt, Komposition wirkt nicht disziplinierend. Jeder hat Spiel-Raum für eigene Ideen und Initiativen. Rätselhaft, immer durchhörbar und darum geheimnislos und klar. Faszinierend.

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