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Kirsch/Hein/Ditzner: Nervous. Fixcel Records.

Neue CD

Trio-Album „Nervous“: Modelle des Zusammenspiels

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Drei Generationen, mehrere musikalische Erfahrungsräume – ein geglücktes Trio-Experiment.

Manchmal ist ein Zufall der Spielmacher, und wie im wirklichen Leben, so kommt auch in der frei improvisierten Musik alles darauf an, was man daraus macht. Wenn etwa dem Gitarristen eine Saite reißt, muss das keine Unterbrechung bewirken oder überspielt werden. Es ist einfach ein Ereignis im Spielprozess, das, wie jedes andere klangliche und energetische Ereignis auch, in die Gestaltung, in die Aktionen und Reaktionen, in die Impulse und Abbiegungen mit einbezogen wird.

Wer genau der Initiator des Trios war, das im Studio Kleine Audiowelt in Sandhausen zusammenkam, ist nicht eindeutig. Der Perkussionist Erwin Ditzner und der Posaunist Stephan Kirsch, beide in der Metropolregion Rhein-Neckar beheimatet, haben sich jedenfalls für den jungen Kölner Gitarristen und Elektroniker Nicola Hein als Trio-Partner entschieden. Zusammen bilden die drei ein weites stilistisches Feld mit vielen offenen Flanken ab. Ditzners perkussives Vokabular ist enorm vielgestaltig, seine dynamischen Strategien variabel, seine formalen Vorlieben auf Grooves, Geräuschhaftes und freies Spiel gleichmäßig verteilt. Nicola Hein behandelt die Gitarre nicht als Virtuosen-Instrument oder Akkordlieferant, sondern als Quelle für nie nachahmend auftretende Klangereignisse. Gewissermaßen dazwischen hört man Stephan Kirsch, der mit der Posaune Impulse sammelt, Wege freiräumt, Richtungen vorschlägt, Aussichtspunkte markiert.

Ditzner und Kirsch haben als gemeinsamen musikalischen Erfahrungsraum die solistische und kompositorische Arbeit für die Theater- und Ballettbühne. Kirsch ist klassisch ausgebildeter Orchester-Posaunist mit Konzertdiplom und häufig in Bigbands und Posaunen-Ensembles anzutreffen. Ditzner bekommt seit vielen Jahren im Rahmen des Enjoy-Jazz-Festivals jeweils die Gelegenheit, eigene Formationen zusammenzustellen. Nicola Hein ist ein Forscher und Konzeptualist, ständig auf der Suche nach neuen Sounds, Spieltechniken und Klangmaterialien, dabei – wie Ditzner und Kirsch – mit hellhörigem Sinn für Gruppenprozesse, für Strukturbildungen und -unterminierungs-Aktivitäten begabt. Eine seiner hervorstechenden Eigenarten scheint ein Affekt gegen Gewohnheitsbildung, gegen alles Erwartbare, gegen Automatismen zu sein.

„Nervous“ teilt einen Gruppenprozess in fünf Teile unterschiedlicher dramatischer Gestalt und bildet so bis zu einem gewissen Grad eine Auseinandersetzung ab, bei der jeder die Führung übernehmen und wieder abgeben kann, bei der niemand gewinnt oder verliert oder zurückbleibt (auch nicht mit gerissener Saite). An vielen Stellen wird pure Spielfreude hörbar, die stets kontrolliert bleibt und in der Sicherheit entsteht, dass hier jeder jedem ständig alles zumuten kann.

Hein spielt nicht nur Gitarre, sondern ist auch Autor von Essays und formulierte vor einiger Zeit in einer Abhandlung den denkwürdigen Satz: „Wer ästhetisch handelt, agiert als politisch teilhabender Bürger und gestaltet den demokratischen Diskurs.“ Die Praxis dieses Trios zeigt, dass die Fähigkeit des Zuhörens, gleichberechtigt neben der der Artikulation, für gelingende Diskurse zentral ist.

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