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Der fabelhafte Dirigent Enno Poppe im hr-Sendesaal.

Biennale für Moderne Musik

Transit und Blockade

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Die cresc-Musikbiennale in Frankfurt und Umgebung lässt Spannendes hören und gibt zugleich die üblichen Rätsel auf.

Ein Crash-Konzert bot der zweite Abend von „cresc“, der Biennale für Moderne Musik, im Sendesaal des HR. Das Ensemble Modern Orchestra unter Ilan Volkov präsentierte dort eine Troika des neuen Kolossalismus. Meist konventionelle Formgerüste mit lautstarkem, in dunkel-grellen Timbres erscheinendem Habit. Bei „Spinning Lines“ für Klarinette, Horn, Violine, Orchester und Elektronik des 59-jährigen Martin Martin Matalon war viel Retrospektivität im Spiel: wuchtiges Blech und solistische Einlagen, virtuos in rauen, gefällig-sperrigen Klangaggregaten (trefflich Jagdish Mistry, Jaan Bossier, Saar Berger).

Bei Martin Grütter (34) und seinem „Allheilmittel“ gab es harsche Wechsel zwischen Pianissimo und Fortissimo, eine dräuende, düster-bizarre Atmosphäre, die an Dark-Wave- oder Gothic-Rock-Attitüden denken ließ. Ein Hauch alter Fusion-Ästhetik von Bigband-Sinfonieorchester-Konglomeraten, die durch Blockbuster-Formate gegangen schien. Fürs Impuls-Referat stand diesmal die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss auf dem Podium und beschwor in wohlgesetzten Worten das Ideogramm, in dem sich die zeitgenössische Kunst am liebsten sieht: offen sein, grenzüberschreitend, anti-alltäglich, ein Training für Freiräume usw. Ein Antikonformismus-Konformismus, der allen Anwesenden schmeichelte. Danach Bernhard Ganders „Take Death“. Eine als Kritik an Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ überhöhte Paraphrase in grobschlächtiger Rhythmik, die man 2013 beim Musikfest der Alten Oper als Uraufführung schon einmal hörte.

Der cresc-Samstag fand in Wiesbaden statt, wo abends im Kleinen Haus des Staatstheaters Alexander von Schlippenbach mit Frau, Sohn und der hr-Bigband unter der überlegenen Leitung Rainer Tempels auftraten. Ein die affektiven und reflexiven Sinne ansprechendes Ereignis des versöhnten Widerspruchs von kompositorischer und improvisatorischer Ästhetik. Zwei Uraufführungen und einige ältere Werke Schlippenbachs und Aki Takases, seiner Partnerin, erklangen in der bestechenden Qualität der 16-köpfigen hr-Bigband. Im Verein mit den Turntable-Anschärfungen des Sohnes, DJ Illvibe, ein maximal profiliertes Klanggefecht, das sich meist aus dominanter, passacagliahafter Strenge in neo-klassischen Idiomen fast kristallin entwickelte.

Cresc-Liturgie am Sonntagvormittag im hr-Sendesaal: Werke des Gedenkens der Opfer von politischer Gewalt, aber auch des Leidens an der menschlichen Verfassung schlechthin. Für letzteres standen zwei Madrigale der Renaissance-Komponisten Marenzio und Vicentino, die um Liebe, Tod und Verlassenheit ihren sublimen Schmerz entfalteten. Positioniert zwischen Werken Isang Yuns und Luigi Nonos.

Yuns „Engel in Flammen“ (1994) will ein Memorial der sich aus Protest und für eine gute Sache verbrannt habenden Menschen sein. Nono vertonte in „Il canto sospeso“ (1955/56) Aufzeichnungen von zum Tod verurteilten Menschen, die gegen nationalsozialistische und faschistische Gewalt kämpften. Yun hat sich seiner getragenen und fließenden Synthese aus fernöstlichen und europäischen Intonationen bedient und klangillustrativ wirkende Gestaltungen geschaffen, die zumindest Zustände verspannterer und entspannterer Eindrücklichkeit zuließen. Nono hat die Sätze der Verurteilten fast vollständig in seriellen Formatierungen aufgelöst.

Nur mittels des Programmhefts waren die Transitblockaden zwischen Sinn und Klang, Anlass und Ausdruck aufzuheben: die Crux der Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst in Reinkultur. Yuns spätes Werk wirkte wie die klobige und angezuckerte Form seiner bei „Réak“ (1966) noch so feinstrukturierten „Synthese-Kunst, Nono dagegen wie ein noch seriell blockierter Aspirant auf seine später ganz fluide Schwebe-Ästhetik. Sehr schön sangen Veree Suh, Jenny Carlstedt und Robin Trischler, gemeistert wurden die noch zähen Vokalisen des frühen Nono durch das SWR Vokalensemble, brillant spielte das hr-Sinfonieorchester unter dem souveränen und animierten Peter Rundel.

Auch im abendlichen Finalkonzert von cresc im Sendesaal mit fünf Uraufführungen des komponierenden Nachwuchses blieb das Programmheft der Weg, um vom Werk-Konzept zur Klangwahrnehmung zu kommen. Am wenigsten war das nötig bei „Shimmer“ von Matej Bonin, der eine boulez-affine Klangwelt zahlreicher Instrumentalkoloraturen unmittelbar ansprechend sich zu artikulieren wusste. Unmittelbar konnte auch Malte Giesen mit „Surrogat / Extension“ wirken – einem atmosphärisch reizvollem Klang-Stoizismus mikrotonaler Inseln, oft in repetitiver Statik – artistische Stumpfsinnlichkeit gewissermaßen.

Ole Hübners „Drei Menschen, im Hintergrund Hochhäuser und Palmen und links das Meer“ war eine Art Klanghörspiel, eine Recherche acousmatique, die weit zurück zur Musique concrète eines Luc Ferrari zu grüßen schien.

Wer aber wäre darauf gekommen, dass es sich bei Vladimir Gorlinskys „Hymns and Laylas of Mascow securalism“ und den sich dabei auf dem verdunkelten Podium herumdrückenden, Klanggeräuschhaftes absondernden Musikern um eine Kritik an russischer Repression handelt? Und während man bei Andreas Eduardo Franks „How to pronounce Alpha“ mit dem rhythmischen Aufstampfen, Vokale-Rufen und Armstreckungen an musikalische Früherziehung dachte, meinte der Komponist eine Anti-Parade mit anti-hierarchischer Orchesterordnung.

Der Tambourmajor des Abends mit dem Ensemble Modern war Enno Poppe, ein grandioser, allen von ihm geleiteten Stücken unverwechselbaren Charakter verleihender Dirigent.

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