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Und warum wollt ihr mir nicht euren Friseur verraten? Mark Delavan als Jupiter.

Deutsche Oper Berlin

Träumt doch weiter

Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper Berlin träumt sich drei Stunden lang durch Richard Strauss’ letzte Oper „Die Liebe der Danae“, so als gebe es das Wort "Rezeptionsgeschichte" nicht einmal. Da hilft auch Danae im weißen Negligé nicht.

Von Jürgen Otten

Das Symbol des Abends hängt in der Luft, nur verkehrt herum und mit geöffnetem Deckel. Die drei an Seilen festgezurrten Beine strecken sich zum Bühnenhimmel empor wie die Gliedmaßen des zum Käfer verwandelten Gregor Samsa, die Klaviatur blickt unterdessen beschämt zu Boden. Ein hübsches Bild hat sich Bernd Damovsky da ausgedacht (obschon es als Zitat der grandiosen Installation von Rebecca Horn erkennbar wird, die uns vor Jahren entzückte); ein Bild, das wir als Allegorie für die holde und hehre Kunst deuten dürfen.

Es ist nicht das einzige. Denn Bilder spielen in dieser Inszenierung eine ungewöhnlich große Rolle. Gleich in der ersten Szene von Richard Strauss’ letzter Oper „Die Liebe der Danae“ stürmt die Schar der Gläubiger (der wieder einmal phänomenal klar singende Chor der Deutschen Oper) in den (später einstürzenden) Palast des bankrotten Königs Pollux und klaubt sämtliche Gemälde von den Wänden. Ruckzuck, ist die Galerie geleert, und auch die antiken Skulpturen werden herausgefahren. Übrig bleibt, wiewohl als unerreichbares Objekt, nur der Flügel oben.

Jupiter ist hier ein Komponist

Nun hängt er da und versprüht das, was in der Oper der Goldregen ist: Notenblätter. Leise rieselt der Musikschnee vom Schnürboden und beglückt die stolze Jungfrau Danae, die, wie sollte es anders sein, im weißen Negligé hereinschneit und sich mit dem bedruckten Papier bedeckt. Was wir daraus lernen? Jupiter ist Komponist. Und gibt der Danae seine einschmeichelnde Musik ein, auf dass sie sich in ihn verliebe.

Eine krude Idee. Aber was soll man auch machen mit diesen Olympiern, die seit Nietzsche ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt haben? Und was anstellen mit einer Oper, die inmitten von Stahlgewittern und Auschwitz entstanden ist, aber so klingt, als habe es derlei menschliche Verrohung nie gegeben? Schwierig. Im Grunde gibt es im Falle der „Danae“ zwei Möglichkeiten: Entweder man untersucht das 1942 vollendete, indes erst zehn Jahre später, nach des Komponisten Tod, in Salzburg uraufgeführte Werk auf seine zeitgeschichtliche Relevanz und fragt sich überdies einmal, was dieser Stoff fürs Heute bedeuten könnte. Oder man lässt sich von der honigsüßen Musik einfach einwickeln und träumt den griechischen Traum des Richard Strauss von einer völlig anderen Welt unberührt von jeglicher Auseinandersetzung weiter.

Kirsten Harms, (Noch)-Intendantin der Deutschen Oper Berlin, entscheidet sich unglückseliger Weise für Variante zwei. Als habe es das Wort von der (absolut notwendigen) Rezeption nie gegeben, träumt sie sich drei Stunden lang durch die heitere Mythologie und reiht eine bedeutungslose poetische Szene an die andere. Das ist nicht nur in höchstem Maße naiv und sentimental, das führt auf die Dauer auch zu einer geradezu unerträglichen Langeweile. Man ist in Gefahr, hinweg zu dämmern.

Die Musik hat, so wie sie vom Orchester der Deutschen Oper Berlin dargeboten wird, daran allerdings entscheidenden Anteil. Zwei Akte lang hören wir nichts als einschläfernd süßlichen Wohlklang. Erst im dritten Aufzug kann sich Dirigent Andrew Litton entschließen, den Klängen Kontur und rhetorische Substanz zu entlocken – was leider die Blechbläser zu manch unmotivierter, den Gesamtklang auseinander reißenden Attacke verleitet.

Formidable Sänger würden uns versöhnen. Doch die sucht man, zumindest in den Hauptpartien, vergeblich. Manuela Uhl (Danae) hat zweifelsohne eine schöne Stimme. Nur sagt sie mit dieser Stimme nichts. Diese Stimme wabert nur umher, ohne artikulatorische Noblesse, ohne Textausdeutung, kurz: ohne jedwede Formatierung.

Bei Mark Delavan (Jupiter) ist das Gegenteil der Fall: Sein Bariton ist entschieden überaktzentuiert und insbesondere in der Höhe auffällig unausgewogen, er scheint nicht zu wissen, wie man Linien formt. Der lyrisch getönte Tenor Matthias Klink (Midas) weiß das. Aber er weiß nicht, wie er den Kloß aus dem Hals entfernen kann.

Angesichts dieses vehementen vokalen Defizits wirken die Darbietungen von Burkhard Ulrich (Pollux) und Thomas Blondelle (Merkur) sowie das Rheintöchter-Geklingel der vier koketten Königinnen (Hila Fahima, Martina Welschenbach, Julia Benzinger, Katarina Bradic) nachgerade wohltuend. Retten können sie diesen vertanen Abend nicht.

Deutsche Oper Berlin, 27. Januar, 5. und 13. Februar.www.deutscheoperberlin.de

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