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Expressiv: Peter Brötzmann.
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Expressiv: Peter Brötzmann.

Deutsches Jazzfestival

Traditionell revolutionär

Das 46. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt sucht – und findet – den musikalischen Fortschritt. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass sie dafür Überschreibungen einiger Großtaten der Jazzgeschichte heranziehen.

Von Stefan Michalzik

Wo steckt er – der Wille zum musikalischen Fortschritt im zeitgenössischen Jazz? Diese glühend interessante Frage haben die Programmgestalter vom Hessischen Rundfunk dem 46. Deutschen Jazzfestival im Sendesaal in Frankfurt eingeschrieben. Für den ersten Blick bloß mag es paradox erscheinen, dass sie dafür unter anderem Überschreibungen einiger Großtaten der Jazzgeschichte heranziehen: Sprünge eines innovatorischen Willens sind stets mit Unterströmungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verbunden.

Als „Update“ hat der österreichisch-amerikanische Trompeter Michael Mantler seine erneute Auseinandersetzung mit den Großtaten des von ihm Mitte der sechziger Jahre gemeinsam mit Carla Bley gegründeten The Jazz Composer’s Orchestra annonciert. Es sind nicht die verbliebenen Veteranen, die er für den Auftritt mit der hr-Bigband unter der animierten Leitung von Christoph Cech zusammengeholt hat; Kennzeichen der neuen Arrangements ist ein höherer Grad an kompositorischer Ausformung zulasten des Freiraums für die Improvisation. Ein „Experiment“ auf abgesichertem Terrain, unter dem Schub grandioser Solisten wie dem Pianisten David Helbock, Bjarne Roupé an der elektrischen Gitarre, dem Tenorsaxofonisten Tony Lakatos und dem jazzfertigen Radio String Quartet Vienna. Wie ein reißzahnhafter Sendbote aus der Vergangenheit stört der 74-jährige Tenorsaxofonist Peter Brötzmann mit seinem expressiv drangvollen Spiel den Frieden.

Frisch, spritzig und vibrierend wirkt die Musik des Contrast Trios um den in Frankfurt lebenden ukrainischen Pianisten Yuri Sych – erweitert um den Perkussionisten Florian Dressler – mit seinem lässig-coolen Groove. Ungebrochen heil ist die musikalische Welt des Duos um den Sopransaxofonisten Émile Parisien und den Knopfakkordeonspieler Vincent Peirani, den jungen Fackelträgern einer speziellen Tradition des Jazz in Frankreich. Ein folkloristischer Zug ist dem musikantischen Tun eigen. Ganz gewiss keine Zukunftsmusik spielt auch der amerikanische Tenorsaxofonist Mark Turner mit seinem Quartett. Es ist vielleicht das Erstaunlichste an seiner Musik, dass sie sich derart konventionell auf die klassische Jazzmoderne bezieht und trotzdem nicht verstaubt erscheint. Artig hat sich die auf dem Frankfurter Festival arg dauerpräsente hr-Bigband unter Mike Holober Kompositionen aus dem Werk von Frank Zappa angeeignet; wenig ist vom subtilen anarchischen Witz zu spüren gewesen.

Gleichsam traditionell revolutionär ist die Musik des Quartetts Hope um den Saxofonisten und – samt Elektronik – Multiinstrumentalisten Alfred 23 Harth und den Schlagzeuger Chris Cutler. Zusammen mit den japanischen Musikern Kazuhisa Uchihasi an E-Gitarre und Daxophon und Mitsuru Nasuno am E-Bass besinnen sie sich auf die Errungenschaften ihrer 1982 gegründeten und Maßstäbe setzenden Band Cassiber. Die lärmende Arbeit am Klang ist nach wie vor fulminant verstörend.

Den Gesang re-afrikanisiert

Die 1965 aus der schwarzen Jazzavantgarde in Chicago heraus gegründete Musikerkooperative Association for Advancement of Creative Musicians (AACM), deren Aushängeschild das Art Ensemble of Chicago gewesen ist, hat musikalische Fragen und den Kampf um die Gleichstellung der Afroamerikaner in einem gedacht. Anküpfend an die Altvorderen betreibt das AACM Vocal Ensemble ein hohes Maß an Reafrikanisierung des Jazzgesangs, gemäß der Parole: „Great black music – Ancient to the future“. Allerdings verliert sich das Quartett in Wohlgefälligkeit zwischen Vokalisen von Jazzstandards und lieblichen Ausweisen von Virtuosität.

Weitaus eher vermochte die AACM ‚Now‘ Generation um den Trompeter Ben LaMar Gay zu überzeugen. Von der freien Spielhaltung ausgehend schlägt das Septett einen Bogen in die Gegenwart, unter anderem mit dem skandierenden Sprechgesang des Slam-Poeten Khari B. Das Solistenensemble ist markant besetzt, mit famosen Instrumentalisten wie der Cellistin Tomeka Reid. Mit seiner Haltung scheint Ben LaMar Gay sagen zu wollen: Vergesst mir Lester Bowie nicht!

Den stärksten Eindruck machte dann aber doch das Trio um zwei Männer der ersten Stunde, den Schlagzeuger Jack DeJohnette und den Saxofonisten Roscoe Mitchell, sowie Matthew Garrison am elektrischen Bass. Die Musik geht immer noch an die Grenzen, die Energiefunken sprühen, der Sound scheint schier zu bersten, und das alles aus dem Gestus einer lässigen Souveränität heraus. Die Mittsiebziger und ihr 45-jähriger Gesinnungsgenosse zeigen tatsächlich, wo es – unter anderem – langgehen kann. Und dass dafür das Rad nicht unbedingt neu erfunden werden muss.

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