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Toro y Moi: „Mahal“ – Ein Fall von dezenter Opulenz

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Von: Stefan Michalzik

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Toro y Moi lehnt sich auch musikalisch zurück. Foto: Andrew Paynter
Toro y Moi lehnt sich auch musikalisch zurück. Foto: Andrew Paynter © Andrew Paynter

Mit viel Wärme und Melancholie: „Mahal“ ist ein reichhaltiges, entspanntes Album von Toro y Moi.

Ende der nuller Jahre machte Toro y Moi alias Chaz Bear – geboren 1986 als Chazwick Bundick – Furore als einer der zentralen Akteure des Chillwave, seinerzeit ein mächtiger Hype. Stichwort „Summer of Chillwave“ 2019. Dabei ist er nicht stehengeblieben, sein Horizont hat sich geweitet. Dreampop, R’n’B, Funk, Disco und House – Stilformen greift er mannigfach auf und jongliert mit ihnen in einer Weise, dass allweil etwas ausgeprägt Originäres und Zeitgenössisches entsteht.

Der Ansatz auf „Mahal“, seinem jüngst veröffentlichten siebten Album, knüpft an jenen von „What For“ (2015) an, auf dem sich Toro y Moi schon einmal auf psychedelischem Terrain bewegte – und hebt sich entschieden von dem weitaus flockigeren Vorgänger „Outer Peace“ (2017) ab. „Mahal“ bedeutet im Philippinischen Liebe – diesen Namen hat er seinem Vintage-Bus-Jeep gegeben, mit dem er für das Coverfoto des Albums vor der Golden Gate Bridge posierte.

Der melancholische Blick auf unsere Zeit, und damit verbunden auf Dinge aus vergangenen Zeiten, steht im Mittelpunkt der Texte. Da geht es um aus der Mode gekommene Dinge wie postalisch versandte Briefe sowie Zeitschriften und um die Zwänge einer Existenz in einer von digitalen Technologien geprägten Lebenswelt. Yes und Pink Floyd, die beiden Progrockbands aus den siebziger Jahren, nennt Chaz Bear als einen wichtigen Einfluss für dieses Album. Was die siebziger Jahre und den Progrock anbelangt, scheinen mir jedoch die prätentionsferneren 10cc als Bezugsgröße plausibler.

Das Album

Toro y Moi: Mahal: Dead Oceans/Cargo.

Anders als im Progrock allerdings ist der Funk ein prägender Moment. Etwa nach der Art „Prince trifft Beck“. Genauer gesprochen: „Sign o’ the Times“ trifft „Odelay“.

In einem Interview hat Chaz Bear gesagt, es sei ihm nicht um seine philippinisch-afroamerikanischen Wurzeln gegangen, sondern um jene im Süden der USA: Blues, Country und Southern Rock. Dies hätte, so Chaz Bear, eine Vinylplatte werden können – so lang wie eine solche (vierzig Minuten) dauert sie auch. Letzten Endes bewegt sich Toro y Moi auf diesem Album im Universum des Dubs, im Sinne eines musikalischen Verfahrens, nicht als Genre. In einer wahnwitzigen Technik der collagierenden Schichtung erschließt der gestaffelte Klangraum eine enorme Tiefe. Hier eine Jazzflötenfloskel, da mal kurz ein Saxofon, dann wieder erinnert ein markanter Basslauf an die Prägnanz von Titelmusiken zu TV-Serien der sechziger und siebziger Jahre. Es gibt eine Vielzahl von Unterschwelligkeiten.

Mit feinem Popflow

Ungeachtet der enormen Fülle wirkt das bei diesem Musiker nicht eine Spur überspannt. Der Eindruck ist vielmehr der einer dezenten Opulenz. In ihrem Kern ist den Songs eine herkömmliche Strophenstruktur eigen, sie haben Popflow. Zwischendrin sind kurze Klang- und teilweise auch Dialogszenen eingestreut, ein wenig wie man das von manchen HipHop-Alben kennt.

Alles ist von großer Wärme. Die – teils elektronisch verfremdete – Stimme setzt Chaz Bear sanft wie ein Singer/Songwriter ein. Derweil er früher alles selber eingespielt hat, hat er sich nun erstmals eine Reihe von Musikern in sein Studio in Berkeley in der San Francisco Bay Area geholt, wo er heute lebt. Der Energie des gemeinsamen Spiels, hat er gesagt, stehe auch mit Maske und offener Studiotür nichts entgegen.

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