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Tony Lakatos. Foto: Christoph Boeckheler

Jazzpreis

Der Mann, der zum Saxofon wechselte

  • vonStefan Michalzik
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Der lässige Großmeister Tony Lakatos erhält den Hessischen Jazzpreis.

Tony Lakatos ist ein Favorit des Publikums – und das kommt nicht von ungefähr. „Sagt nur nicht Künstler zu mit“, lautet der Titel einer kürzlich erschienenen Biografie über den großen Saxofonisten, der an der Einspielung von sagenhaften mehr als drei- oder, je nach Quelle, gar vierhundert Alben beteiligt gewesen ist, der regelmäßig mit einer Reihe von Bands wie Jasper van’t Hofs Pili Pili oder zuletzt auch Roberto Di Gioias Web Web international unterwegs ist, der außerdem als quer durch die Jazzgeschichte beschlagener Musiker als festes Mitglied bei der Frankfurter New-Orleans-Jazz-Band Red Hot Hottentots spielt – und ungeachtet all dessen bereits seit dem Jahr 1993 hauptamtlich Mitglied der hr-Bigband ist.

Zum Abschluss des von der Frankfurter Jazzinitiative ausgerichteten Hessischen Jazzpodiums ist Lakatos in Dr. Hoch’s Konservatorium nun mit dem Hessischen Jazzpreis 2020 ausgezeichnet worden.

Seinen Vater, so Biograf Rainer Erd, der in seiner Laudatio die biografischen Ursprünge des 1958 geborenen Musikers skizzierte, hatte Tony Lakatos erst einmal enttäuschen müssen: auf das prägende Erlebnis hin, bei einem Konzert von Duke Ellington den Altsaxofonisten Johnny Hodges gehört zu haben, scherte er als erster in den langen Tradition der Roma-Geiger-Dynastie der berühmten Lakatos-Familie aus – und schmiss das Geigenstudium. Dem familiären Hintergrund ist es freilich geschuldet, dass Tony Lakatos das Musizieren nicht als Vehikel zu einer künstlerischen Selbstverwirklichung ansieht, sondern darauf aus ist, das Publikum zu unterhalten und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Lakatos’ fabelhaftes Quintett – beständig besetzt mit Axel Schlosser an der Trompete, dem Pianisten Michael Flügel, Thomas Heidepriem am Bass und Jean Paul Höchstädter – legte einen Auftritt mit Verve hin, auf dem abgesicherten Terrain des modernen Mainstreams.

Lakatos selbst mit seinem prägnant vollmundigen, warmen Ton, dargeboten mit der prätentionslosen Lässigkeit eines Musikers, der über seiner eigenen souveränen Großmeisterlichkeit steht, ist der herausgehobene Solist, nicht über Gebühr jedoch. Großartig im Übrigen ein Gastauftritt von Jim McNeely, dem Chefdirigenten der hr-Bigband, am Klavier.

Nicht minder grandios waren zuvor Aki Takase und Alexander von Schlippenbach. Eine Wucht von einem kantigen Klavierspiel zu vier Händen oder jeder für sich, mit Stakkatofuror, Clustern und Übergreiftechnik, die einen regelrecht zirzensischen Effekt machen.

Das Repertoire der beiden greift über die eigenen Stücke hinaus aus zu eigensinnigen Anverwandlungen der Polyphonie Bachs wie auch der freitonalen Musik eines Bernd Alois Zimmermann oder obskuren Umprägungen von Volksmusik, von denen ein Titel wie „Bavarian Calypso“ einen Eindruck geben mag. Das ist bestens gealterte, oder doch vielmehr scheinbar überhaupt nicht gealterte Avantgarde – eine Lust immer wieder.

Obendrein amüsant garniert mit der schon beinahe becketthaften – und ganz sicher nicht bloß unfreiwilligen! – Komik eines alten Ehepaares zwischen den Nummern.

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