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Seit geraumer Zeit nicht mehr auf Bühnen, aber sein 70. Geburtstag soll nicht unbemerkt vonstatten gehen: Tom Waits.

Tom Waits

Tom Waits wird 70: Moritaten ohne Champagner

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Zum 70. Geburtstag von Tom Waits erscheint ein von Frauen eingesungenes, fabelhaftes Hommage-Album.

Es ist wunderbar, diese Geschichten vor dem Ende des Jahres nochmals zu hören. Wieder zu hören, was sich im Morast des Alltäglichen bergen und in musikalische Arrangements packen lässt. Erzählungen eines Mannes, der seit geraumer Zeit keine Neuheit publik gemacht, keine Tournee bestritten hat. Sein Ruf indes ist unzerstörbar, zementiert: mit Datum 7. Dezember 2019 befindet sich Tom Waits seit nunmehr sieben Jahrzehnten auf diesem Erdball.

Unbemerkt soll der Geburtstag – so zumindest der Wille des produzierenden Organisators Warren Zanes – jedenfalls nicht vonstattengehen. Eine Balladen-Sammlung mit dem Titel „Come On Up to the House – Women Sing Waits“ ist nun auf dem Tisch, ein Dutzend Liedwerke des Großmeisters in neuen Versionen offerierend. „Sich auf die schiere Schönheit dieser Songs zu konzentrieren“ gilt als Kerngehäuse der ganzen Unternehmung. In die Arena geholt wurden deshalb junge und ältere Damen von Rang und Stimme. Wer also wird am Erfolg der Mission zweifeln wollen?

Tom Waits wird 70: Gekonnt gewebte Moritatenfäden

Die Fülle des Waits-Werks, seine Kulissenschiebereien zwischen Bordstein, Thekenplatz, Klavierhocker und Theatersessel, das Sprichwörtliche seiner Stimmband-Akrobatik sind Anreiz und Abschreckung zugleich. Dass sich hier keine Interpretationen der zerschossen-schräglastig-geröchelten Solokrakeelereien eingeschlichen haben, soll uns nicht grämen. Natürlich ist der selige Captain Beefheart – Freund und höchste Instanz des Thomas Alan Waits – zur Feier des Tages nicht zugelassen. – Schnaps und Stumpen verpesten gute Sitten, gute Luft.

Gleichwohl ist „Come On Up to the House“ ein glänzendes Album geworden. Facettenreich, zumeist fein ziseliert, manchmal eigenwillig. Fünf der eingespielten Kompositionen sind der Farm- und Acker-Platte „Mule Variations“ von 1999 entliehen. An die Schmerzensnummer „Georgia Lee“ wagt sich die junge Kalifornierin Phoebe Bridgers – und gewinnt mit einer fast geflüsterten, intensiv-berührenden Einlassung. Eine waidwunde Seelenschau, dem Original ebenbürtig. Als Entdeckung darf daneben die 25 Lebensjahre zählende und im australischen Elternhaus lebende Angie McMahon gelten: ihr tastendes, dunkles „Take It With Me“ („It’s a long time since I / drank champagne“) kann dem Schöpfer all dieser nachtgefallenen Schicksalsweisen nur gefallen.

Überhaupt wird wiederum deutlich, wie gekonnt der Texter Waits seine Moritatenfäden webt. „Come down off the cross, we can use the wood“, heißt es unnachahmlich im von der Dreischwestern-Band Joseph vorgetragenen Titelsong.

Tom Waits wird 70 - junge und ältere Damen singen seine Songs

Ein Bündel superber Klassiker ist im Angebot, wird jedoch weder biestig noch unrasiert oder angesoffen in Szene gesetzt. Courtney Marie Andrews macht aus „Downtown Train“ eine perlende, fast jubilierende Country-Schmissigkeit, „Ol’ ‚55“ wird von Shelby Lynne & Allison Moorer aufs elegische Dach der Welt verfrachtet, Rosanne Cash („Time“) oder Aimee Mann („Hold On“) werfen mit künstlerischer Erfahrung nur so um sich.

Und das zarte, hartholzerweichende „Jersey Girl“? Keiner kann es besser singen als der kehlig-gurgelnde Urheber selbst? Corinne Bailey Rae lässt sich auf keinen Wettbewerb ein, legt die kleine Kostbarkeit umstandslos aufs kirmes-beschwipste Gleis, gondelt frohgemut in Richtung Endstation. Dort wird der „Tom Traubert’s Blues“ vor offenen Gräbern intoniert. Jenes mit dem berühmten „Waltzing Matilda“-Motiv durchsetzte Schunkeltrauma – eine von Waits mit Streichern aufgepolsterte Moll-in-Moll-Szenerie. Hier singen die Wild Reeds aus Los Angeles. Ohne Soundwand, mit Folk-Gestus, sehr gepflegt, sehr liebenswert.

Wenn die Reise endet, wollen die Stimmen nicht aufhören. Sie klingen nach – auch ohne die für Waits typische Trauer um alles, was vergeht. Um dich und mich, um uns und unsere Möglichkeiten. Kreaturen nur in „time, time, time (that you love)“.

Den 7. Dezember also nutzen, einem Menschen zuzuhören, der Howlin’ Wolf, Lee Marvin, Bukowski und den Ton des Nebelhorns zu seinen Einflüssen zählt, sich erzählen lassen von jener „Christmas Card From a Hooker In Minneapolis“. – Günstig dafür ist die Jahreszeit ja allemal.

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