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Die 24-jährige Amy Winehouse in Glastonbury, Juni 2008.
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Die 24-jährige Amy Winehouse in Glastonbury, Juni 2008.

Amy Winehouse

Todestag Amy Winehouse: entsetzliche Momente des entblößten Untergangs

  • VonMax Dax
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Geschichte eines vermeidbaren Todes: 2011 starb Amy Winehouse, die Musikerin mit der Stimme, die eine Generation hätte begleiten können.

Auf Youtube gibt es ein herzzerreißendes Video des letzten, nur 43 Minuten langen Auftritts von Amy Winehouse vom 18. Juni 2011 zu sehen, das schmerzhaft dokumentiert, wie die heute vor zehn Jahren verstorbene Sängerin im Scheinwerferlicht regelrecht implodiert, wie sie von ihren eigenen Fans in der serbischen Hauptstadt Belgrad ausgebuht wird, wie sie sinnbildlich vor unseren Augen stirbt.

Sie torkelt, sie schwankt, sie wirkt orientierungslos. Sie bleibt am Mikrofon stehen, als sei sie im Begriff, einen neuen Song zu beginnen, doch statt etwas zu sagen, verliert sie das Gleichgewicht. Wieder stehend, verdreht sie spöttisch die Augen, versucht sie etwas ins Mikrofon zu sprechen, versagt dabei, verschränkt sie ihre Arme, wendet sich wieder ab – während ihre wie aus dem Ei gepellt in Anzügen gekleidete Band stoisch grinsend langsame Soul-Grooves spielt, Augenkontakt mit der Sängerin suchend, um den Moment des richtigen Einsatzes zu finden, um den nächsten Song zu beginnen. Als gäbe es noch einen richtigen Einsatz im so offensichtlich Falschen. Zunehmend lauter bringt das Publikum seinen Unmut in der stolzen, hoch und malerisch über Belgrad gelegenen Festung Kalemegdan zum Ausdruck.

Amy Winehouse: Entsetzliche Momente des würdelosen Untergangs

Als Zuschauer, vielleicht treffender: als Voyeur am Bildschirm, fällt es schwer, diese entsetzlichen Momente des entblößten, würdelosen Untergangs auszuhalten. Als sich Amy Winehouse schließlich, das „Konzert“ ist bereits eine halbe Stunde im Gange, nach minutenlangem, apathischem Herumirren auf der Bühne anschickt, ihren Superhit „Back to Black“ zu singen, kommt alles noch viel schlimmer. Die wenigen Fans, die nicht buhen, singen den Text Silbe für Silbe zum Beat der Band mit, um ihr Idol im freien Fall vielleicht doch noch auffangen zu können – während Amy Winehouse ihren Souffleuren erst lauscht, um dann Strophe für Strophe mit falschem Timing und falschem Text den eigenen Gesangslinien hinterher zu stolpern.

Sie beginnt schließlich vor ihren Fans hemmungslos zu weinen. Sie wirft ihr Mikrofon auf den Boden. Sie will die Bühne verlassen. Bodyguards zwingen sie zurück ins Rampenlicht. Die Sängerin, der Weltstar, ist nicht mehr Herrin des Verfahrens. Der britische „Guardian“ schreibt nüchtern: „Nach einem erratischen Auftritt in Belgrad werden die restlichen Konzerte ihrer Tournee abgesagt.“ Einen Monat später, am 23. Juli 2011, stirbt die 27-jährige Amy Winehouse mit 4,16 Promille im Blut an Alkoholvergiftung in ihrer Wohnung in Camden, Nord-London. Gestorben im Alkoholschlaf.

Amy Winehouse: „Back to Black“ bricht alle Rekorde

Ihr Tod in Raten war das, was man landläufig als einen „angekündigten Tod“ bezeichnet. Die Monate und Jahre seit ihrem internationalen Durchbruch mit ihrem Ende 2006 erschienenen zweiten Album „Back to Black“ stand Amy Winehouse – zumindest in Großbritannien – unter permanenter Beobachtung einer zunehmend sensationsgeilen Boulevardpresse. Ihr Aufstieg und ihr Fall sind bestens dokumentiert.

Mit „Back to Black“ bricht Amy Winehouse in ihrem Heimatland alle kommerziellen Rekorde des Jahres 2007, sie selbst führt im selben Zeitraum mit einem Einkommen von mehr als zwölf Millionen Pfund die Liste der bestverdienenden Musikerinnen und Musiker Großbritanniens an. Als sie am 10. Februar 2008 sensationell fünf Grammys in den Schlüsselkategorien „Bestes Album“, „Bester Song“, „Beste weibliche Gesangsperformance“, „Bester Newcomer“ und „Bester Gesang auf einem Pop-Album“ abräumt, schnellt ihr Album in den Vereinigten Staaten auf den zweiten Platz der Billboard-Charts. Im Schatten des transatlantischen Erfolgs von „Back to Black“ wird auch ihr Debütalbum „Frank“ (wie Frank Sinatra, der Lieblingssänger ihres Vaters Mitch) wiederveröffentlicht. Bis heute verkaufte Amy Winehouse weit mehr als zwölf Millionen Exemplare beider Alben.

Dass sich die Songs auf „Frank“ und „Back to Black“ zugleich wie die DNA ihrer zukünftigen Probleme als Abhängige lesen lassen, ging im Jubelgeschrei über die zierliche weiße Sängerin, die, wenn sie nicht betrunken war, singen konnte wie Ella Fitzgerald, zunächst unter.

Amy Winehouse: Popstar aus einfachen Verhältnissen

Amy Winehouse stammt aus einer einfachen Familie, ihr Vater ist Taxifahrer, ihre Mutter Janice ist Apothekerin, das Paar ist geschieden. Das größte Glück, so beschreibt es ihr Umfeld nach ihrem Tod, war es, wenn sie im Camdener Pub um die Ecke eine Art Hofstaat mit ihrer Stimme begeisterte, auf Drinks eingeladen wurde, Bewunderung mit Liebe verwechselte.

In ihrem ersten Hit, „Stronger Than Me“ (2003), besingt sie, dass sie von ihrem (zukünftigen?) Mann verlangt, dass er nicht wie ein Waschlappen „immer nur diskutieren“ solle, sondern „stärker als sie sein“ solle. In den Songs auf „Back to Black“ verarbeitet sie das Drama ihrer bis dato zweijährigen, von Trennungen und Versöhnungen geprägten Liebesbeziehung zu Blake Fielder-Civil, einem ehemaligen Video-Assistenten und Junkie, den sie, in einem Moment der glücklichen Wiedervereinigung, impulsiv im Mai 2007 in Miami heiratet.

Im Titelsong ihres Erfolgsalbums „Back to Black“ singt Amy Winehouse die vielsagenden Zeilen: „We only said goodbye with words / I died a hundred times / You go back to her / And I go back to / Black, black, black, black, black, black, black“. Und in ihrer erfolgreichsten Singleauskopplung „Rehab“, die die Charts in fast ganz Europa anführte, singt sie die entwaffnenden Zeilen: „They tried to make me go to Rehab / But I said no, no, no.“ Optisch beginnt sich Amy Winehouse parallel zum Erfolg ihrer Platte in eine Inkarnation von Ronnie Spector zu verwandeln, der Sängerin der in den sechziger Jahren megaerfolgreichen Girl-Group The Ronnettes – mitsamt Bienenkorb-Frisur und Kleopatra-Eyeliner-Make-up.

Amy Winehouse: Drogen, Alkohol, Marihuana

Tatsächlich betritt Amy Winehouse mit ihrem Ehemann die verhängnisvolle Welt der harten Drogen – dies erzählt Blake Fielder-Civil fast grinsend, als handele es sich um eine Art Leistung, live in der britischen Jeremy Kyle Show, kurz nach seiner Trennung von Amy Winehouse 2009. Der Konsum von Crack, Kokain und Heroin in Kombination mit Marihuana und hartem Alkohol war Dauerbegleiter des Paares und brachte die kreative Arbeit am Folgealbum zum Erliegen.

Bigotte Texte in der Presse, Skandalfotos und -videos, in denen Amy Winehouse vor laufender Kamera Crack raucht oder das Ehepaar Winehouse/Fielder-Civil nach einem – mutmaßlichen – Streit blutverschmiert zu sehen ist, verdrängen zunehmend die Berichterstattung über ihre Musik. Und wenn doch über ihre Musik geschrieben wird, dann dominiert die voyeuristische Lust über abgebrochene oder misslungene Konzerte – siehe Belgrad.

Amy Winehouse: Vor ihrem Tod 27 Monate in Haft

Als Blake Fielder-Civil im Juli 2008 zu einer 27-monatigen Haftstrafe wegen Körperverletzung an einem Pub-Besitzer und versuchter Bestechung der Justiz verurteilt wird, zeichnen die Medien die Sängerin als Stern im freien Fall. Tatsächlich begibt sich Winehouse nach einer Überdosis 2008 in eine Entziehungskur, überwindet das Heroin, substituiert ihre Sucht stattdessen mit Wodka.

Als Amy Winehouse im Juli 2011 mit nur 27 Jahren stirbt, wird in den weltweiten Nachrufen immer wieder auf den sogenannten 27 Club verwiesen – die Gruppe der Rockstars, die im Alter von 27 in selbstzerstörerischen Heroin- oder Alkoholabhängigkeiten verglühten. Neben ihrem jüngsten Mitglied Amy Winehouse zählen hierzu unter anderen der Bluessänger Robert Johnson, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain und der Rolling Stone Brian Jones.

Ihnen allen ist gemein, dass öffentliche Anerkennung, kommerzieller Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit nicht zwangsläufig zu Glück, Geborgenheit und spiritueller Erfüllung führen. Über den französischen Philosophen Gilles Deleuze schrieb der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit 2010 in der „Spex“: „Die Alkoholiker, was für Strategen! Der Alkohol und das Schreiben: die großen Amerikaner, Lowry, Faulkner, Thomas Wolfe, Algren. Schriftsteller und Alkohol gehören zusammen. Warum? Weil sie etwas spüren im Leben, das größer ist als sie, und das sie ohne Alkohol nicht ertragen.“

Amy Winehouse, Jim Morrison, Kurt Cobain - An Schlaf war nicht zu denken

Das mag mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf Amy Winehouse, Jim Morrison und Kurt Cobain zugetroffen haben. Hinzu kommt: Wer einmal miterlebt hat, wie fatal durch (a)soziale Medien und Massenmedien amplifizierter Ruhm in Konkurrenz treten kann zu künstlerischer Kreativität, die oft der Ruhe und der Introspektion, immer aber der Inspiration bedarf, um nicht Erfolgsrezepte einfach zu reproduzieren oder Ideen Dritter zu kopieren, der weiß, wie verlockend einerseits Schmerz-, Betäubungsmittel und Traumsubstanzen sein können, um sich aus dem Erfolgsdruck des Starsystems herauszukatapultieren – und wie nötig anschließend Kicks durch harten Alkohol, Nikotin oder Amphetamine sind, um der Lethargie wieder zu entkommen. An gesunden, erholsamen, ideenstiftenden Schlaf ist da nicht mehr zu denken.

Schaut man sich das Video von Belgrad mit heutiger, zehnjähriger Distanz an, muss man sich wundern, dass Amy Winehouse seinerzeit nicht einfach wirksam Hilfe angeboten worden ist – zu offensichtlich waren die Verfallserscheinungen, zu unübersehbar war, dass hier eine Süchtige dringend Hilfe von Außen benötigte.

Amy Winehouse stirbt einen vermeidbaren Tod

Der vermeidbare Tod von Amy Winehouse erinnert uns daran, wie toxisch und terminal ein Leben sein kann, dessen Bestandteile sich aus Ehrgeiz und enormem Talent in Verbindung mit einer labilen, süchtigen Persönlichkeitsstruktur sowie übermenschlichem Erfolgsdruck von außen zusammensetzen. Dass neben dem Menschen Amy zudem auch eine Künstlerin von uns gegangen ist, deren Karriere gerade erst begonnen hatte, soll schließlich nicht vergessen werden. Anders als Billie Holiday, die immerhin 44 Jahre alt wurde, und der es trotz allen Rauschgiftkonsums gelang, ihre Karriere über zweieinhalb Jahrzehnte zu verfolgen, im Leben durch Höhen und Tiefen zu gehen, die von Holiday wiederum in der eigenen Kunst verarbeitet werden konnten, blieb es Amy Winehouse verwehrt, ihrem Frühwerk auch nur ein einziges weiteres künstlerisches Kapitel hinzuzufügen und zu erforschen, wie sich ihre Stimme mit und ohne Drogen- und Alkoholkonsum weiterentwickelt hätte.

Aus künstlerischer Sicht ist genau dieser Aspekt das Tragische: Im Rückblick gibt es nur sehr wenige, manchmal nur eine einzige Stimme pro Generation. Diese Stimmen haben in der Regel das Potenzial, dass sie uns ein Leben lang begleiten können. Mit Amy Winehouse ist die Stimme einer Generation Jahrzehnte vor ihrem Zenit verglüht.

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