HR-Sinfonieorchester

Von Tieren und Andersgestaltern

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Das HR-Sinfonieorchester spielt Schubert und stellt ausgewählte Schubertbezüge vor.

Im Dezember hat der Hessische Rundfunk mit seinem Sinfonieorchester die En-suite-Präsentation aller Sinfonien Franz Schuberts in seinen Alte-Oper-Konzerten begonnen. Und die Werke jeweils bei den Donnerstags- und Freitagsterminen aufgeführt, was jetzt mit den verbliebenen Sinfonien Numero 2, 3, 5, 6 und 7 ebenfalls geschah.

Das Konzept, das sowohl nicht-sinfonische Klangformate des 1828 mit 31 Jahren verstorbenen Komponisten vorsah als auch je eine zeitgenössische Bezugnahme, konnte jetzt im Donnerstagskonzert nur bedingt realisiert werden. Die ursprünglich vorgesehene moderne Zutat in Form einer Improvisation von Richter / Gees fiel ins Wasser. Für die erkrankte Sängerin Anna Lucia Richter sprang Sophie Karthäuser ein, die den fehlenden Aktualisierungsbezug mit einigen französischen Liedern zum Thema „Un petit bestiaire“ von Gabriel Fauré bis Francis Poulenc kompensierte. Diese „tierischen Lieder aus Frankreich“ wiederum sollten thematisch Anschluss halten gegenüber dem Schubert-Lied „Die Forelle“. Dazu gab es die drei Lieder der Mignon sowie „Ganymed“ aus der Feder Johann Wolfgang von Goethes.

Sophie Karthäuser hat einen wunderbar ziselierten und profilierten Sopran, dessen markantes Vibrato die affektive Feinheit und Beweglichkeit im Vortrag eher noch erhöht. Im Großen Saal nicht in allen Schallzonen tragend, was aber das Problem so manchen Frequenzgangs in der Halle mit ihrer Menge an totem Volumen ist.

Schuberts Sinfonien zeigten sich unter der Leitung des Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada und dem blendend mitgehenden HR-Sinfonieorchester sehr lebhaft: straffes Tempo und keine Schwermuts-Affinität. Dem nostalgischen, behaglichen bis phlegmatischen Duktus enthoben, war das eine Art deutscher Rossini mit repetitiv gefurchten Klangfeldern in der harmonikalen Beweglichkeit, die immer Schuberts sinfonisches Kapital war. Alles natürlich frei von jeder grelleren, kessen und furiosen Italianità, sondern im gedeckten, introvertierten und gründelnden Habitus eines deutschen Tonsetzers.

Mit dem Wegfall der ins Versonnene und Wehmütige zielenden Haltungen war ein Moment spezifischer Qualifiziertheit gegenüber dem großmächtig tönenden Beethoven verspielt. Schubert – allenfalls eine Mozart-Rossini-Synthese.

Der zeitgenössische Beitrag im Freitagskonzert wurde mit Wolfgang Rihms „Das Rot – Sechs Gedichte der Karoline von Günderrode“ bestritten. 1990 entstandene Vertonungen der leichthändig geformten poetischen Rhythmen mit unglücklicher Liebesfracht. In Rihms klobiger Klang- und Vokalgestaltung gewannen sie nichts hinzu, sondern hatten eher einen Verlust ihres fließenden Formkalküls hinzunehmen.

Solist war der von dem differenziert spielenden Ulrich Eisenlohr begleitete Christoph Prégardien. Der bestach zum Abschluss des Konzerts und damit des gesamten Schubert-Projekts mit seiner ebenso klaren wie wohlgeformten, kräftigen und unaffektierten Stimmgebung bei Heinrich Heine-Liedern aus Schuberts „Schwanengesang“.

Die h-moll-Sinfonie („Unvollendete“) kam in einer bezwingenden Gestaltung zum Klingen. Mit diesem Werk war Franz Schubert als der erste der neudeutschen Komponisten gesetzt – der Vater aller tonalen Andersgestalter von Anton Bruckner bis Richard Wagner, Hans Rott und Gustav Mahler.

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