Uraufführung bei der MusikFabrik

Tiere aus Pauken und Kisten

Uraufführung im WDR-Funkaus in Köln: Rund 200 Instrumente hat die musikFabrik zusammengesucht für eine Bühnenmusik, die Enno Poppe und Wolfgang Heiniger ihr auf den Leib konzipiert haben. Von Guido Fischer

Von Guido Fischer

Langsam beginnt es zu rattern und zu dampfen, scheinen sich in dem noch dunklen Klangmaschinenraum Räder und Kolben in Bewegung zu setzen. Kaum werden aber die ersten Lichtpunkte aufgezogen, sieht man schon die ersten bei der Arbeit. Zwar haben sich die 15 Musiker der musikFabrik nicht in Overalls geworfen, aber sie haben in den nächsten rund 75 Minuten alle Hände voll zu tun auf dem Podium des Konzertsaals im WDR-Funkhaus, das eine riesige Instrumentenskulptur ist.

Rund 200 Instrumente, vom Muschelhorn über Tastenmaschinen wie Orgeln und Moog-Synthesizer bis zu Schlagkörpern wie Pauken und Bananenkisten, hat die musikFabrik aus ihren Kellern und Lagerhallen zusammengesucht, für eine Bühnenmusik, die die Komponisten Enno Poppe und Wolfgang Heiniger der musikFabrik auf den Leib konzipiert und dafür das klassische Partitur-Korsett gesprengt haben. Jenseits grober Handlungsanleitungen und musikalischer Richtungsangaben verlangt das uraufgeführte Werk "Tiere sitzen nicht" nur kreative Eigenverantwortung und improvisatorische Reaktionsschnelligkeit.

Und um die hierarchischen Strukturen einer konventionellen Aufführung samt Dirigent endgültig aufzubrechen, erweitern die Komponisten den von John Cage und Maurico Kagel geprägten Freiheitsbegriff noch um eine Nuance, indem sich jeder Musiker auch an den Instrumenten der Kollegen versuchen darf. Schlugen solche Elemente etwa bei Kagel noch in absurde musiktheatralische Aktionen um, sind die Solisten nun nicht nur mit unbedingtem Ernst und professionellem Einsatz bei der Sache. Aus dem Stand heraus werden da erstaunlich komplexe und facettenreiche Ensemble- und Klangkonstellationen erzeugt, bei denen das Vokabular der Moderne einem neuen Belastungstest unterzogen wird.

In der musikFabrik-Halle schießen Noise-Säulen unter die Decke, verwandelt sich klangkinetische Energie mal in asiatische Ruhepausen, mal in geräuschhaftes Dauerbrodeln, Schnarren und Zucken. Und so wie man den Musikern dabei zusehen kann, wie sie stoisch von einer Klangstation zur anderen wandern, so ist man verblüfft, wie geradezu automatisiert die einzelnen Handgriffe unter- und miteinander greifen.

Zum Schluss kann man sich stolz zum Arbeiterstandbild aufbauen - und solange auf einem Atemzug eine Hymne auf sich singen, bis irgendjemand den Schalter umlegt und der Klangmaschinenraum in sich zusammenfällt. Im nächsten Jahr feiert die musikFabrik ihren 20. Geburtstag. Eine Bilanz ihrer einzigartigen Produktivkraft hat sie schon abgeliefert.

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