Frankfurt

Tief aus dem Grandhotel Abgrund

  • schließen

Rapper Gzuz als harter Typ in der Batschkapp. Und man glaubt ihm das.

Als die 187 Straßenbande vor Jahren unterwegs war, da hieß die Tour „Free Gzuz“. Gzuz saß da im Gefängnis, drei Jahre für einen Raubüberfall. Auf der Bühne wird er später erzählen, immer, wenn die Straßenbande oder eines ihrer Mitglieder auf Tour sei, sei einer von ihnen im Knast.

Der Hip-Hop kennt keine Natur. Es gibt in ihm keine Bäume und kein Grün, es gibt in ihm nur den Beton und das Grau. Das liegt wohl daran, dass der Hip-Hop ein Großstadtphänomen ist, er oft vom Leben „auf der Straße“ erzählt und erzählen will. Der Beton ist zwar menschengemacht, wie die Geschichte, aber die Formen wirken undurchdringlich, unveränderlich, man ist dem Beton ausgeliefert. Man kann den Beton reiten wollen, Skateboard und Parcour funktionieren so, sie sind eine Rückeroberung der Straße und der öffentlichen Plätze.

Fox News kommentierte vor Jahren, das, was die schwarzen Männer umbringe und die Familien terrorisiere, sei der Rap. Dagegen meinte Chuck D. von Public Enemy vor Jahrzehnten, Rap sei CNN für die schwarze Bevölkerung. Das läuft auf die Frage hinaus – und die kann man immer wieder durchspielen – ob die Gewalt des Genres nun hervorgerufen wird oder ob sie schon immer da war – und der Rap davon berichten kann, etwas sichtbar macht, was zuvor nicht gehört und gesehen wurde.

Gzuz kommt im weißen Trainingsanzug auf die Bühne, das Konzert in der Frankfurter Batschkapp ist ausverkauft, lauter Jogginghosen und Nike Air Max, später freier Oberkörper. Im Hintergrund steht sein Name in groß, dazwischen zwei Maschinengewehre. Gzuz hat diese Präsenz, zumindest ich glaube ihm, dass er ein so harter Typ ist. Anders als zum Beispiel Kollegah und Farid Bang, die vor ein paar Monaten auch hier waren und die dabei erstaunlich läppisch klangen. Gzuz’ Stimme ist tief und heiser und die meist von Jambeatz produzierten Beats passten auch in einen John- Carpenter-Film, es ist dunkel, der Bass ist unser Fetisch, der Sound für den Abgrund.

Und überall ist da der Glaube an die eigene Handlungsfähigkeit: kein Schulabschluss, Stress mit der Justiz, dann halt Drogenverticken oder Rapkarriere. Wie überraschend ist das, dass die Abgehängten, die in den Plattenbauten groß werden, in einem Land, das so wenig durchlässig nach oben ist wie wenig andere, sich dann nicht orthodox und rechtsgläubig verhalten? Dass sie nicht vom Abi und vom Bausparvertrag rappen? Nicht besonders.

Nur ist dieser Konkurrenzkampf ja nicht mal weniger hart, im Gegenteil. Es werden nur sehr sehr wenige zum erfolgreichen Rapper schaffen. Und die Drogen, die bringen sie ins Gefängnis, wieder. Später wünscht sich Gzuz ein Moshpit, er sagt, gleich, wenn der Beat komme, dann sollte man dem anderen die „Nase brechen“. Er grinst, er sagt: „Gewalt ist geil.“ Hier haben sie das Träumen aufgegeben. Hört zu, schaut zu, aus dem Grandhotel Abgrund.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion