Alte Oper

Thomanerchor: Ungenutzter und genutzter Schwung

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

Drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums mit dem Thomanerchor in der Alten Oper Frankfurt.

Dem Weihnachtsoratorium ging bei den Frankfurter Bachkonzerten nun die Kantate BWV 10 voraus, „Meine Seel erhebet den Herren“. Inhaltlich ist das sozusagen korrekt, da die Ereignisse ohnehin komprimiert werden und Maria schwanger war, als sie ihre Cousine Elisabeth an Mariä Heimsuchung besuchte und den nämlichen Lobgesang anstimmte. Interessanterweise gestaltete sich das in diesem Fall etwas spröde, sogar kärglich. Vielleicht war die Größe des Großen Saals der Alten Oper dann doch zu wenig intim, die Stimme der Sopranistin Julia Sophie Wagner gar zu schlank.

Als sollten idealerweise erst Sog und Schwung entstehen, wird den Paukenschlägen zum „Jauchzet, frohlocket“ gerne etwas vorgeschaltet. Betrüblich aber, wenn Sog und Schwung dann nicht direkt mitgenutzt werden – dafür gibt es großartige Beispiele, die Wirkung ist tatsächlich enorm –, sondern eine dermaßen lange Unterbrechung entsteht. Beifall, das ausführliche Nachstimmen der alten Instrumente.

Dann aber. Unter der Leitung ihres Kantors Gotthold Schwarz, des 17. nach Johann Sebastian Bach, sangen die Thomaner aus Leipzig die ersten drei Kantaten, begleitet vom Sächsischen Barockorchester, einer Schwarz-Gründung von 1989. Zartheit, Volumen und Schwung des Chores, die perfektionierte, in eine brillante Routine übergegangene Ausgeglichenheit und Harmonie der Stimmen trugen durch den Abend. Wie immer wenn exzellente Kinderchöre auftreten, bezauberte die Beiläufigkeit, mit der das geschah. So unbedingt zudem die Konzentration beim Singen, so reizend zerfiel die Gruppe dazwischen auch wieder in eine Ansammlung von unterschiedlich temperierten Individuen.

Um den Chor herum, diesen sanft und unverdrossen kompetent durch die Konzerte und Jahrhunderte schippernden Kahn, war der Eindruck gemischter: der Orchesterklang manchmal etwas groß in der heiklen Akustik des Saals, die Solisten aus recht unterschiedlichen Sphären. Ganz ungenießerisch zügig absolviert das „Schlafe, mein Liebster, genieße die Ruh“ mit der Altistin Susanne Krumbiegel oder nachher das „Herr, dein Mitleid“-Duett des Soprans mit dem trefflich milden und markanten Bass Dirk Schmidt. Tobias Hunger war ein sogar überaus markanter, gleißender Evangelist und technisch versierter Arientenor, der Kraft und Lebendigkeit zuhauf bieten konnte. Sein übermäßiges Verzögern zu Marias Aufmerksamkeit den Worten der Hirten gegenüber (die sie bekanntlich in ihrem Herzen bewegte), hatte zwar eine Logik als Klammer zum Marien-Vorspiel, aber auch einen Zug ins Opernhafte.

Ebenmaß war an sich das Gebot der Stunde. In der Zugabe mit den a cappella singenden Thomanern, „Ich steh an deiner Krippen hier“, wurde das überwältigend vermittelt.

Kommentare