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Theresia Philipp und ihr Trio Pollon: Energie für den klingenden Augenblick

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Eigensinnig, aber konsensfähig: das Trio Pollon. Foto: Tino Kukulies
Eigensinnig, aber konsensfähig: das Trio Pollon. Foto: Tino Kukulies © TINO KUKULIES

Die Saxofonistin und Komponistin Theresia Philipp und ihr Trio Pollon legen ein neues Album vor. Es trägt nicht direkt einen handelsüblichen Titel ...

Es gab eine Zeit, da konnte man halbwegs sicher sei, einen gewissen Mindestlärmpegel geliefert zu bekommen und ein strukturell erregtes Durcheinander, wenn man ins Fach der improvisierten Musik griff. Aber auch in diesem Fach hat es offenbar eine Zeitenwende gegeben. Sie betrifft – wer will, kann sich das gern in einen erweiterten weltbildhaften Rahmen rücken – vor allem den musikalischen und improvisatorischen Umgang mit dem Parameter Energie.

Zumindest liegt diese Idee nahe, wenn man den ersten Titel, „Improvisation“, dieses eigensinnigen Albums hört, das an der Stelle des handelsüblichen Titels ein grafisches Muster führt. Man könnte die drei Titel-Dreiecke interpretieren als zur Ruhe gekommene Darstellung eines improvisierenden Trios. Und es kann sein, dass eine solche Interpretation inspiriert ist vom Eröffnungsstück. Wenn es sich wirklich um eine Improvisation handelt – ein Stücktitel muss ja nicht unbedingt die reine Wahrheit sagen – dann ist sie mit großer Ruhe und auf der Basis eines gereiften, gut durchgelüfteten Konsenses ausgeführt.

Wer improvisiert, neigt heute, also spätestens seit der Zeitenwende, eher nicht mehr dazu, die Regler hochzuschieben und auf Mitmusikerinnen, -musiker und Publikum munter loszugehen. Man hört sich eher zu (aber nicht passiv, sondern empathisch), man wählt einen gelassenen Ruhepuls (jegliche Trainingserfahrung lehrt, dass intensive Arbeit Voraussetzung dafür war), fügt eigene Vorschläge ein (immer auf der Höhe des Geschehens) und trifft möglicher-, aber nicht notwendigerweise zuvor einige Absprachen.

Das Album

Pollon: (Drei Dreiecke). Anunaki Tabla.

Die Vorliebe fürs Behutsame

Bei Theresia Philipp und ihrem Trio Pollon herrscht eine Vorliebe fürs Melodische, Behutsame und Luftige. Was sie als Saxofonistin in die Welt setzt und was sie als Komponistin für das Album geschrieben hat, legt keinen anderen Schluss nahe; David Helm, Bass, und Thomas Sauerborn, Schlagwerk, arbeiten im gleichen Rahmen und im gleichen Geiste mit.

Philipp, die sonst gelegentlich aus klanglichen Erwägungen auch zur Klarinette greift, beschränkt sich diesmal auf das Altsaxofon. Ihre Aufmerksamkeit gilt der präzisen, nuancenreichen Gestaltung melodischer Phrasen. Sie geht mit Überblastechniken, Oberton- und Soundeffekten heikel und sparsam um und lässt ihr Instrument meist vergleichsweise klassisch und sanglich klingen. Wenn sie davon abweicht und in stets dezenter Manier in erweiterte gestalterische Sphären ausbricht oder einfach das Tempo anzieht und zeitgenössische Verzierungstechniken nutzt, dann ist das unmissverständlich als Kontrastwirkung inszeniert.

So dass man ein wenig Hörergeduld braucht, um herauszufinden, wie sehr hinter den Melodien des Altsaxofons auch eine pastellhaft feine Klangfarbenschwelgerei wichtig ist; wie unterhalb einer raschelnden, klingelnden Geräuschhaftigkeit der Percussion ein lässiger, in die Welt schwingender Groove vorhanden ist; wie immer wieder der Bass von unten horizontal harmonisierend und vertikal strukturierend arbeitet. Nichts wird hier wie eine deckende Schicht aufgetragen, nichts will übertönen, jede Überlagerung bleibt bis in die Tiefe transparent. Die Musik verzichtet auf hohe Verdichtung und lenkt die Aufmerksamkeiten radikal auf den klingenden Augenblick und seine Nuancen.

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