Mike Scott bleibt seinem Hut treu, aber keinem Musikstil.
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Mike Scott bleibt seinem Hut treu, aber keinem Musikstil.

The Waterboys

Der Rufer im müden Land

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Good Luck, Seeker“, das neue Album des vogelwilden Mike Scott und seiner Waterboys.

Zwar begann der 1958 geborene Mike Scott seine musikalische Karriere mit zwanzig in Edinburgh mit einer Band namens Another Pretty Face, bewies aber bald, dass er nicht nur ein hübsches, lockenumrahmtes Gesicht war. 1981 folgte die Gründung der Waterboys, und als die Rezensentin 1985 zufällig über „This Is the Sea“ stolperte (vielleicht beim Radiohören), das immer noch großartigste Album Scotts/The Waterboys, war der Folk-Rock vom Anfang schon durchschossen von allerlei prächtigen Störungen wie bratzenden Bläsern, sturmbrausender E-Gitarre, abrupten Rhythmuswechseln, dazu kam Mike Scotts rufender Gesang – kein Schreien oder Röhren, vielmehr eine hell nach vorn sich schiebende Dringlichkeit. (Ein Mitmusiker wies einmal auf Mike Scotts in allen Stimmlagen verblüffend klare Artikulation hin, da ist was dran.)

Seine Co-Waterboys wechselten in den Jahren ziemlich oft, Sänger und Gitarrist Mike Scott blieb dem Prinzip treu, keinem Prinzip und keiner Stilrichtung treu zu bleiben. Sein bereits 14., am vergangenen Samstag erschienenes Waterboys-Studioalbum nannte er freundlich „Good Luck, Seeker“, viel Glück, Sucher, und es ist wieder eine vogelwilde Mischung: Einsprengsel von Funk, R & B, Hip-Hop, nicht wenig Elektronik-Einsatz – das wohl auch, weil Bestandteile dieses Corona-Albums unter den Beteiligten hin und her geschickt und so bearbeitet, verändert, ergänzt wurden. Sogar ein Schuss Techno ist drin, im Titel „Dennis Hopper“, wo Spaß-Rapper Scott wahrscheinlich jedes Wort auf den Nachnamen des Schauspielers reimt, das sich im Englischen dazu eignet. Und eine alte schottische Ballade, „Low Down In the Broom“, deren zugehöriges Video durchaus passend keine tief im Grünen melancholisch wartende junge Frau zeigt, sondern eine unermüdlich laufende.

Am in Scotts Studio in Dublin angerührten, geradezu kühnen Mischmasch waren diesmal Brother Paul Brown, Keyboard, Steve Wickham, Fiddle, am Schlagzeug Ralph Salmins beteiligt. Sie sind Zuarbeiter, dies aber in jedem Moment mit Elan.

Grob lässt sich „Good Luck, Seeker“ in eine rockige LP-Vorderseite und eine dunklere, gleichsam beschwörende Rückseite einteilen (apropos LP: Mike Scott besingt ja auch das Klappern seiner Schreibmaschine, in „Postcard From the Celtic Dreamtime“). Der etwas bombastische Text zum Titelsong und elften Albumtrack stammt von der walisischen Okkultistin Dion Fortune (1890-1946), auch beim Mystiker Charles Williams und Philosophen William James soll Mike Scott sich Zeilen geborgt haben, um zum Beispiel die Schönheit der Wiederholung, „Beauty In Repetition“, zu - nun, wiederholen.

Kate Bushs „Why Should I Love You?“ dreht er musikalisch wie einen Wendemantel, ersetzt auch Jesus durch Buddha. „My Wanderings In the Weary Land“, mit fast sieben Minuten längster Track, beginnt mit einem Zirkusschreier, gitarren-umbraust dann Scotts Deklamieren über verlorene Hymnen, ein zersprungenes Orchester, den Verlust aller Gewissheiten, Grausamkeit, die sich als Humor tarnt. Das Land, das hier besungen – oder eher: besprochen – wird, mag durchaus müde sein; der, der davon berichtet, hat immer noch diese Dringlichkeit in der Stimme, ist ein Rufer auf erschöpftem Land.

„Everchanging“ ist an vorletzter Stelle eine Art Programm, eine Aufzählung aller Lebens- und Song-Variationen: Tragödie, Farce, unendliche Geschichte, Comic-Strip, Scherzfrage, Achterbahn ... Dann „new eyes“, „new hunger“, „new vista of deep possibility“. Mike Scotts neue Perspektiven sind manchmal etwas verwirrend, aber langweilig sind sie nie.

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