Jahrhunderthalle

The Nation in Frankfurt: Immer der erste Gedanke

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Die amerikanischste Band der Welt spielt in der Jahrhunderthalle. Ein runder Auftritt, rundherum zum Ärgern.

The National erinnern an ein Phänomen, das viele Frauen zumindest in meinem Umfeld beschreiben: Es gibt diese heillos melancholischen Männer, in die sie sich verliebten und die sie hofften, retten zu können. Aber irgendwann ist zu sehen, da ist niemand zu retten, die Trauer ist fest verwachsen mit Haut und Kopf, das schaut schön und tief und dunkel aus. Minimal toxisch ist diese Form von (männlichem) Leiden an der Welt aber auch.

In der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst tragen sie heute alle Brillen. Schwarze und jene aktuelleren durchsichtigen, wie sie Sänger Matt Berninger selbst trägt. Im Eingang unterhält sich eine Gruppe: „Weißt du, welcher Dozent von uns auch hier ist?“

Vor vielen Jahren, bei einer legendären Staffel des „Dschungelcamps“, die brillant die Beobachtung der Beobachtung ausstellte, ja die überlegene Klugheit des Systems gegen die hilflosen Versuche vorführte, sich in einem Rollenspiel ganz so zu geben „wie man halt ist“, in dieser Staffel spielten sie ganz am Ende im Zusammenschnitt einen großartigen Song: „Fake Empire“. Den spielen sie hier spät, leider in verschlepptem Tempo und ohne Groove. Das macht es rund – es ist rundherum ein Auftritt zum Ärgern.

Sie haben drei Leinwände, Textfetzen laufen in groß durch wie von Werbern erdacht. Wir alle haben das so oft im Fernsehen gesehen. Das Publikum redet schrecklich laut. Schwarz und weiß auf der Leinwand. Ja, schon mal gesehen.

Hier, heute tritt die amerikanischste Band der Welt auf. Sie spielt die Musik, die bei „Emergency Room“ zu einer dramatischen Lebensrettung liefe oder zu Bildern einer Familie, die sich im Arm hielte. Es ist ein Auftritt, der auf aggressive Weise um Tiefe und Existenzialismus bemüht ist. „Everything I love is on the Table.“ Genau das ist das Problem. Da ist keinerlei Scham, den ersten Gedanken zu nehmen. Ein Liebeslied: Klavier, Männerstimme, Frauenstimme, beide zusammen, Tempo verschleppen, marschierende Drums, klingelnde Gitarre, Tempo raus. You will walk away. Crescendo. So klingt eine Musik der easy outs, schrecklich wenig sophisticated. Was ginge, wenn es die Band nicht so dringend sein wollte.

De facto: das Mitgeklatsche, das Mitgesinge, das Leiden in voller Länge aber gedimmter Lautstärke, die Ausbrüche aus dem Handbuch, die Tausenden Paare, die zwei Stunden eng umschlungen das letzte bisschen Ich sich aus dem Körper pressen, die Ansagen. „This is for you.“

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