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The Koreatown Oddity: „ISTHISFORREAL?“ – Der Anarchist lädt zur Revue ein

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Von: Stefan Michalzik

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The Koreatown Oddity. Foto: Stones Throw Records
The Koreatown Oddity. Foto: Stones Throw Records © Stones Throw Records

Ein wegweisendes Rap-Album von The Koreatown Oddity.

Eine zeitgenössische schwarze Version von Frank Zappa und seinen Mothers of Invention – das ist eine mögliche Assoziation angesichts dieses Albums. Vor nicht ganz zehn Jahren ist der aus Los Angeles stammende Rapper und Produzent The Koreatown Oddity mit seinem Debüt „No Health Insurance“ (2013) erstmals in Erscheinung getreten: via Internet und per selbst von Hand in der Stadt vertriebener Kassette. Nach und nach hat sich The Koreatown Oddity – der Name bezieht sich auf das Stadtviertel, in dem er aufwuchs – mehr und mehr zu einem offenen Geheimtipp mit Jahresbestenlistennotierungen entwickelt. „ISTHISFORREAL?“ heißt sein neuestes Meisterwerk; er bleibt dem eingeschlagenen Pfad des Art-Raps fern vom radiogebräuchlichen Mainstream treu.

Früher mit Werwolf-Maske

Stichwort Zappa: Dieses Album präsentiert sich wie eine Revue von anarchischem Zuschnitt. Es beginnt mit einer Jubelszene – das Entree zu einer Late-Night-Show. Begrüßt werden all die „Kings, Queens, Brothers, Sisters, Moors, Israelites, African Americans, Blacks, Niggers, Niggerses, Niggas, Nigettes, Oreos, Biracials, Blaxicans, Blasians, Mayates, et cetera, et cetera...“. Es gibt etliche amüsante Dialoge auf diesem Album, mit teils verstellten Stimmen und überdrehter Collagenmusik. Lange trat der 1984 als Dominique Purdy geborene Rapper mit Werwolf-Maske auf, auch als Stand-Up-Comedian ist er aktiv.

Komödiantische Züge hat auch seine Musik. Da ist eine immense Buntheit, ohne in die Beliebigkeit eines Sammelsuriums zu glitschen. Vom geschmeidigen Rapsong mit Funkjazzflow über Bossa-Nova-Groove mit der frappierenden rhythmischen Geradheit eines Drumcomputers bis zum Sample eines souligen Chors oder einem schleppenden Beat mit dystopisch düsteren Touch. Dann ist da auch immer wieder eine Affinität zum Jazz; oder ein afrikanisches Flöte-Chor-Sample prägt einen Song mit.

Das Album

The Koreatown Oddity: ISTHISFORREAL? Stones Throw Records.

Damals in Los Angeles, 1992

Die autobiografische Unmittelbarkeit hat von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt bei Koreatown Oddity, zunächst in einer Form, die Tagebucheintragungen nahekam. Seit „Little Dominiques Nose Bleed“ – roter Faden: Autounfälle in der Kindheit –, neigt er zu einer größeren konzeptionellen Geschlossenheit.

Letztlich geht es um Gesellschaft – anhand des eigenen Habitats. Koreatown? Da war doch einmal etwas. Richtig. Während der Unruhen in Los Angeles 1992, ausgelöst durch den Freispruch für vier Polizisten, die der Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King beschuldigt worden waren, standen Teile des Viertels in Flammen. Antiasiatischer Rassismus der Randalierenden zeigte sich.

Im Refrain zum hyperrhythmischen „High Tension“ heißt es: „Die Gespanntheit der Geschichte fällt mich an/ Der Grund, weshalb ich keine Polizei in meinem Rücken haben mag/ Oder neben mir, oder wo immer ich bin/ Sie beobachten mich, wie warum, lass mich deinen Ausweis sehen“. Im Titelsong wird unter anderem thematisiert, dass es nun ein schwarzer Schauspieler ist, der die Rolle von Homers Arbeitskollegen Carl spricht – erst nachdem erneut ein Schwarzer durch Polizeigewalt starb und den daraus resultierenden Protesten unter dem Signum „Black Lives Matter“.

Elf Positionen in 25 Minuten, in jeder Hinsicht dicht gedrängt – ein wegweisendes Rap-Album.

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