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Genaue Beobachterin: Kate Tempest.

Kate Tempest

„The Book of Traps and Lessons“: Hinein in die Falle und wieder heraus

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„The Book of Traps and Lessons“: Kate Tempest schließt an ihre Slam-Poetry-Herkunft an.

Auf der Hülle sind die Umrisse des Vereinigten Königreichs zu sehen. Ein Album zum Brexit? Auf der Innenseite und im Textheft liegt London in panoramatischen Bildern hinter einem lindfarbenen Schleier. Ein politisches Album ist das ganz sicher, aber in einer anderen Art, als von Kate Tempest bisher bekannt.

Der brillante Produzent Rick Rubin hat schon manchem Musiker den Weg zu neuen Ufern bereitet, von Johnny Cash über Neil Diamond bis zu Gossip, der früheren Band von Beth Ditto. Für „The Book of Traps and Lessons“, das dritte Soloalbum der 1986 im Südosten Londons geborenen Rapperin, Schriftstellerin und Dramatikerin Kate Tempest, haben sie und Rubin den Faktor Rap eliminiert und durch das gesprochene Wort ersetzt – was auch eine Rückkehr zu Tempests Ursprüngen darstellt. Die Frau, die sich mit ihrem Künstlernamen vor Shakespeare verbeugt, kommt schließlich aus der Slam-Poetry-Szene von London.

Das Album ist mit den Spoken-Word-Performances von Beatpoeten der fünfziger Jahre wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac vergleichen worden. Da ist etwas dran. Die durchlaufende, zuweilen ineinander übergehende, gleichwohl in Nummern strukturierte Folge von elf Songs in 45 Minuten wirkt wie ein einziger langer Monolog. Von fern aber erinnert das der intimen Ansprache der Stimme wegen an Rubins legendäre Aufnahmen mit dem späten Johnny Cash, auch wenn die musikalischen Mittel ganz andere sind.

Kate Tempest: The Book of Traps and Lessons. Caroline/ Universal.

„Love is a selfmade thing/love is a selfmade trap“: Das zentrale Motiv dieses „Buchs der Fallen und Lektionen“ ist die Liebe – auch die krankhafte Abhängigkeit. Und das Scheitern, das Tempest am eigenen Leibe erlebt hat. Die musikalischen Texturen, eingespielt in erster Linie mit dem künstlerischen Dauerpartner Dan Carey, sind wirkungsvoll reduziert. Der Synthesizer bestimmt das Klangbild, in manchen Songs kommen Klavier oder Geige ins Spiel. Sofern es Beats gibt, sind diese schleppend und verhalten. Manches klingt wie von weither, etwas die jahrmarktshafte Musik zu „I Trap You“.

Frontlinie des Widerstands

Zuletzt, auf „Let Them Eat Chaos“ von 2016, vermittelte Kate Tempest ein Bild vom Zustand der kapitalistisch geprägten Welt anhand von Schlaglichtern aus dem Tag einer Reihe von Figuren in London. In „I Trap You“ hingegen ist das lyrische Ich nach eigenem Bekenntnis eng mit der Autorin verbunden, die zu einer neuen Liebe gefunden hat; Tempest ist inzwischen glücklich mit ihrer neuen Partnerin verheiratet, der sie dieses Liebeslied widmet. In „All Humans Too Late“ klingt die Frage nach der Wahrung der Menschlichkeit angesichts einer Wut über Rassisten an.

Es gehe nicht zuerst darum, dass sich alle um einen herum ändern sollen, hat Kate Tempest in einem Interview gesagt, vielmehr müsse man bei sich selbst anfangen. Die Perspektive hat sich verschoben, Tempest bleibt darüber eine scharfsichtige Beobachterin der Einwirkung der Verhältnisse auf das Individuum. „Eine intime Beziehung“, sagt Tempet auch, „stellt so etwas wie die Frontlinie des Widerstands dar.“

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