Sängerin und Gitarristin Thao Nguyen.
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Sängerin und Gitarristin Thao Nguyen.

Musik

Thao & The Get Down Stay Down „Temple“: Beschwingte Stilbrüche

  • vonStefan Michalzik
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Folk & HipHop ohne Grauen im neuen Album „Temple“ von Thao & The Get Down Stay Down.

Eine Verbindung aus Folk und Hip-Hop – da mag der Gedanke an eine grauenerregende Form von Crossover naheliegen. Im vorliegenden Fall hätte einen das aber doch gewundert. Thao & The Get Down Stay Down, das kalifornische Quintett um die vietnamesischstämmige Sängerin und Gitarristin Thao Nguyen und ihren Co-Songschreiber, den Gitarristen Adam Thompson, hat schon seit den Anfängen und dem Erscheinen des ersten Albums „We Brave Bee Stings and All“ um den Kern des amerikanischen Folk herum poppig-luftige Musik entwickelt. Mit dem neuen Album „Temple“, ihrem fünften, hat die Band sich eine neue musikalische Dimension erschlossen und ist gleichwohl bei sich selbst geblieben.

Die Wendung ist mit Blick auf den vom Funk geprägten Vorgänger „A Man Alive“ (2016), der bis dahin bemerkenswertesten Hervorbringung, so überraschend auch wieder nicht. Die Produktion haben Nguyen und Thompson erstmals selber in die Hand genommen, die Abmischung dieses Großwurfs jedoch hat Mikaelin „Blue“ Bluespruce besorgt, der unter anderem schon für Solange Knowles, Blood Orange und Tune-Yards gearbeitet hat.

Flow in Hip-Hop-Manier

Das Album:

Thao & The Get Down Stay Down: Temple. Domino/ GoodToGo.

Ein gewisser Groove ist dem Folkpop von Thao & The Get Down Stay Down zwar schon immer eigen gewesen, neu aber ist ein Flow in Hip-Hop-Manier, der mit den angestammten Instrumenten wie dem Banjo und der gepickten Folkgitarre mitnichten einen Stilbruch mit sich bringt. Die zehn Songs sind reich facettiert wie von den früheren Alben der Band geläufig. Die Ballade „How Could I“ ist von gesummten Gesangsharmonien gekennzeichnet, „Marauders“ von schleppenden perkussiven Beats, „Dis-claim“ kommt dem Trip-Hop nahe, in „Rational Animal“ gniedelt eine elektrische Gitarre, die im monströsen Klangbild eine Spur nach hinten gemischt ist.

Monströs ist ein gutes Stichwort. Denn einesteils wirkt dieses Album als Ganzes locker-leicht, zugleich jedoch sind die manniggestaltigen Texturen von Brüchen gekennzeichnet. Das Leitthema im Sinne eines Konzeptalbums ist das Coming-out von Thao Nguyen, was mit beschwingten Grooves im Sinne einer Befreiung ja bestens zusammengeht. Ganz und gar nicht zufällig ist dieses Coming-out ein spätes gewesen. Mag das auch heute zumeist keine große Sache mehr sein, die Sorge der Absolventin eines Studiums der Soziologie und der Women’s Studies galt der Reaktion der in der vietnamesischen Tradition verwurzelten Familie.

„Shamefully shame’s claim on me/ Led my life with infamy“: In dem Song „Phenom“ singt die 36-Jährige davon, sie habe in Schande – „infamy“ – gelebt, indem sie sich bislang nicht zu ihrer Identität bekannt hat. In „Marrow“, einem Liebeslied, heißt es gar: „I know I’ve lived as a quiet apology/ I’m sorry to you / and I’m sorry to me“ – Ich habe mein Leben gelebt einer stillen Entschuldigung gleich; es tut mir leid für dich wie auch für mich.

Der Titelsong, „Temple“, handelt vom Vietnamkrieg und der Flucht der Eltern. „I lost my city in the light of day/ thick smoke/helicopter blades“ – das sind die ersten Zeilen des Albums. Paradoxerweise galt Amerika als das Land der Freiheit und der Hoffnung.

Die Story um das Outing Thao Nguyens jedenfalls hatte ein veritables Happy End: An Neujahr dieses Jahres hat sie geheiratet.

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