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Tenebrae Choir: Reine Dissonanzen

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Von: Judith von Sternburg

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Der Tenebrae Choir beim Rheingau-Festival.

Der Begriff „a cappella“ meint zwar Vokalmusik ohne Instrumentalbegleitung, wörtlich kommt er aber von „alla cappella“, nach Art einer Kapelle. Und so klingt es nicht nur bei feschen Herrensextetten, sondern auch, wenn der Tenebrae Choir zum Beispiel zugleich seine eigene Orgelbegleitung ist.

Zwei Konzerte direkt hintereinander gab die erstaunliche englische Formation beim Rheingau Musik Festival, das erste in der Wiesbadener Lutherkirche (das zweite dann in der Basilika von Kloster Eberbach), wo sich die 18 Sängerinnen und Sänger zunächst noch halb verborgen hielten, um Gustav Holsts „The Evening Watch“ ein wenig zu mystifizieren. Gefeiert wurde dabei die reine Dissonanz, was sich in der zweiten Nummer, Judith Binghams „A Walk with Ivor Gurney“, auf faszinierende Weise fortsetzte: die Stimmen nun wie Pinsel, die zarte Linien durch die Luft zogen.

„England’s Finest“ hieß das Programm, die meisten Texte religiös, teils biblisch, teils aus den großen elisabethanischen Zeiten, die Musik vorrangig aus dem 19. und 20. Jahrhundert (am jüngsten die Komponistin Bingham, Jahrgang 1952). Geschaffen alles für die klassische englische Chortradition, für deren Qualitäten der Tenebrae-Gründer und -Leiter Nigel Short, seinerseits ehemaliges Mitglied der berühmten King’s Singers, steht wie wenige andere.

Tenebrae (die Dunkelheit) bezieht sich weniger auf die fidele Seite dieser Tradition, sondern das Elegische, Harmonische und ebenso Disharmonische. Die Virtuosität zeigte sich jedenfalls an diesem Abend in der Fläche, dies in einer erschütternden Perfektion. Starke lautmalerische Effekte gehörten gleichwohl dazu, von den Trompeten in Ralph Vaughan Williams’ „Valiant for Truth“ bis zur „erbärmlichen Kreatur“, die bei Hubert Parry in „I know my soul hath power to know all things“ vor sich hinkröpelt.

Parrys „Songs of Farewell“ füllten den zweiten Teil nach der Pause. Etwas ungreifbar Zweitklassiges in dieser Musik wurde vom Chor in makellose Erstklassigkeit verwandelt. ith

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