Musik

Tempo frisst Facetten

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Das Schicksal harter, komplexer Musik: Behemoth und andere in der Batschkapp.

Wolves In The Throne Room waren bei den ersten, die den politisch verdächtigen Black Metal nahmen und dazu von ihrer linken Punksozialisation erzählten. Dass das dann in eher rückwärtsgewandte Vorstellungen von unberührter Natur und Holzhütte im Wald mündete, ändert am großen Album nichts. Auf der Bühne der Frankfurter Batschkapp bleibt es jedoch gängige Esoterik, bisschen Rauch, Männer mit Bärten hinter Schild und Lederfransen, eine Frau mit langem Gewand am Keyboard. Irgendwann kommen ein paar Männer vor die Bühne, sie wollen sich zur Musik bewegen, aber es bleibt das Problem: Der Black Metal hat keinen Körper, er flirrt und schwebt und wabert.

Das ändert sich mit At The Gates. Die haben in den 90ern jenen melodischen Death Metal miterfunden, den dann unzählige Bands im Metalcore nachstellten. Aus der mal aus dem Punk kommenden Aggression gegen die Verhältnisse hat er nackte Gewalt gemacht. At The Gates rufen ins Gedächtnis, wie anders das mit der Gewalt im Metal mal gemeint war: Er erzählt von der Welt als Stahlbad, Knochenmühle, Schlachthaus. Aber eigentlich sind alle nett zueinander. Der Metal erzählt vom Krieg aller gegen alle – aber Ordnung hat er schon gerne. Und: Zu At The Gates lässt sich tanzen.

Behemoth haben sich 1991 gegründet, Sänger Nergal hatte in der Vergangenheit wiederholt Probleme mit der polnischen Justiz. Er verletze religiöse Gefühle. Folgt man ihm in Social Media, so sieht man ihn so entspannt, dass das Metal-Finster-Satan-Bösesein auf der Bühne spielerisch wirkt.

Nergal bezog sich zuletzt auf Marilyn Manson. Und ich habe bei beiden das gleiche Gefühl: Ihre Provokationen, die umgedrehten Kreuze und die nackten Brüste, das braucht eine sichtbare Gegnerschaft, die fehlt hier. Kunst wie diese mag in einem autoritären Rahmen jene Reaktionen zeitigen, die man vorführen will: Verbotsrufe, Empörung, soziale Ächtung – dann zeigen sich diejenigen, die sich als die Saubermenschen sehen wollen, als diejenigen, die möglichst viel Druck ausüben.

Sie spielen vor allem Songs der letzten zwei Alben wie den Hit „Blow Your Trumpets Gabriel“, schneidend, intensiv und irgendwann wunderbar hymnisch. Leider spielen die auf dem Album immer wieder schön gegen das rasende Riffing gestellten Bläser live keine Rolle. So ist es oft das Schicksal harter, komplexer Musik bei der Aufführung: Die Lautstärke und das Tempo fressen die Facetten.

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