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Tears For Fears: „The Tipping Point“ – Noch immer hell und klar wie ein Cherub

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Von: Christina Mohr

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Curt Smith und Roland Orzabal.
Curt Smith und Roland Orzabal. © dpa

„The Tipping Point“, das etwas sehr brave Album von Tears For Fears.

Zu den schöneren Ergebnissen von Popstars ins Netz gestellter Lockdown-bedingter Hausmusik gehört das Vater-Tochter-Duett Curt und Diva Smith: Zu Akustik-Bass und -Gitarre singen die Smiths „Mad World“, einen der größten Hits des Vaters, geschrieben mit Roland Orzabal für ihre Band Tears For Fears.

Tears For Fears, von den beiden Schulfreunden Smith und Orzabal 1981 im englischen Bath gegründet, waren eine der wichtigsten Synthiepop-Bands der achtziger Jahre – und eine der nachhaltigsten: In Hits wie „Pale Shelter“, „Shout“ oder „Everybody Wants To Rule the World“ ist der Zeitgeist der Achtziger zwar unverkennbar, aber die Stücke altern gut bis kaum.

Tears For Fears gelang es, sich in Sound und inhaltlichem Ansatz von vielen Zeitgenossen zu unterscheiden: dezidiert melancholisch, voller Zweifel an sich und der Welt, vielschichtig und mit untrüglichem Gespür für Arrangements. Die Songs bezaubern noch heute durch dramatischen Aufbau und beflügelnde Refrains, das Meisterwerk „Sowing the Seeds Of Love“ ist eine klare Beatles-Referenz: Melodien, Stimmen, Klänge schichten sich zur leuchtend-triumphalen Pophymne auf. Grandios.

Der große Erfolg wurde zur Belastung: Smith stieg 1990 aus. Orzabal veröffentlichte allein zwei Alben unter dem Namen Tears For Fears, bis beide 2004 wieder zusammenfanden, die Platte „Everybody Loves a Happy Ending“ aufnahmen und bei Veranstaltungen wie der Nokia Night Of the Proms auftraten. Das Management riet der Band zum Reiten der Nostalgie-Erfolgswelle und drängte Orzabal und Smith zur Zusammenarbeit mit angesagten Hit-Songschreibern. Das Unterfangen scheiterte. Die beiden wechselten die Berater und schrieben allein weiter an neuen Songs.

Das Album

Tears For Fears: The Tipping Point. Concord / Universal.

Nach 17 Jahren erscheint nun tatsächlich ein neues Album von Tears For Fears, was eine so erfreuliche wie heikle Nachricht ist. Denn man kann gar nicht anders, als Tears For Fears heute mit Tears For Fears damals zu vergleichen (dass jüngere Menschen ohne Achtziger-Sozialisation rein zufällig über ihre Streaming-Playlisten mit diesem Album in Berührung kommen, ist auszuschließen).

„The Tipping Point“ bietet solides Songwriting eindeutig britischer Provenienz mit Schwerpunkt auf Balladen. „Please Be Happy“ oder „Stay“ klingen, als wären sie von Gary Barlow und Ronan Keating für die Goldenen Hochzeiten ihrer Eltern komponiert. Ohne Fehl und Tadel, aber auch ein wenig ... bieder. Man weiß sofort, wohin die Songs steuern, es fehlen die Überraschungsmomente und doppelten Böden früherer Werke. Tears For Fears schillern und schlingern nicht mehr – was okay ist, schließlich haben Orzabal und Smith ihren Beitrag zur Popgeschichte längst geliefert, siehe oben.

Hin und wieder zitieren sie sich selbst, wenn sie beispielsweise den Auftakt-Akkord von „Pale Shelter“ wiederverwerten. Eine hübsche Referenz, die aber auch die schmerzliche Erkenntnis offenbart, dass die interessanten Ideen 40 Jahre alt sind. Da es sich dennoch falsch anfühlt, ein Album von Tears For Fears zu verreißen, seien hier die positiven Elemente von „The Tipping Point“ erwähnt: Curt Smith singt noch immer hell und klar wie ein Cherub, die Lyrics sind elaboriert, kritisch und nachdenklich wie eh und je. Im Gedächtnis bleiben der Titelsong, das kraftvolle „Break the Man“ und die erneute Verbeugung vor den Beatles namens „Master Plan“ – aber können wir vielleicht nochmal das Duett von Curt und Diva sehen?

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