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Tcha Limberger: Mit Schmelz, aber nicht zu lieblich

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Von: Stefan Michalzik

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Der Geiger Tcha Limberger und sein Ensemble mit Gypsy-Musik in der Alten Oper.

Tradition und Modernisierung – zwischen diesen beiden Polen bewegt sich der Violinist Tcha Limberger. Der 45-Jährige stammt aus einer belgischen Musikerfamilie der Manouches, der in Westeuropa lebenden Sinti, er führt die von Django Reinhardt begründete Tradition des Gypsy Swing – auch Jazz Manouche genannt – in einer freisinnigen Weise weiter. Tcha Limberger Family nennt er sein Ensemble, mit dem er jetzt unter dem Signet „Gypsy-Musik trifft Balkan“ in der Weltmusikreihe im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper gastierte; die Besetzung des Quartetts mit Lead- und Rhythmusgitarre sowie Bass unter Verzicht auf Schlagzeug und Bläser lehnt sich an das Modell von Reinhardts 1934 gegründetem Quintette du Hot Club de France an.

Weit ist der musikalische Horizont von Limberger, zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört eine Auseinandersetzung mit den Madrigalen Monteverdis auf der Einspielung zu dem Musiktheaterstück „I silenti“ des Komponisten Fabrizio Cassol um das Motiv des Porajmos, des Völkermords an den Roma in der Zeit des Naziregimes. Mit seinem Trio wirkte Limberger an einem Stück von Alain Platels Tanzensemble Les Balletts C. de la B. mit. Mit dem superben „Family“-Ensemble überführt der blinde Multiinstrumentalist die überschriebene Tradition in Zeitlosigkeit.

Einen wichtigen Platz nimmt das in Tcha Limbergers Familie weitergereichte Repertoire ein. Den Gesang teilt er sich mit dem Rhythmusgitarristen Vivi Limberger, seinem betagten Vater. Wie in der Volksmusik üblich, haben sich auch die Manouches viele Melodien aus anderen Kulturen anverwandelt; der Text in Romanes geht oft auf Schnuckenack Reinhardt zurück.

Das Leid und die Liebe

Häufiges Thema ist der Verlust der Liebsten, es werden die Freuden des Suffs gefeiert, es geht aber auch um das Leid, das die Schrecken des Zweiten Weltkriegs verursacht haben, es gibt daneben religiöse Motive. Bei den wenigen Instrumentals handelt es sich um Zirkusnummern, hier nähert sich der ruckhaft gestrichene Bass von Vilmos Csikos dem Klangbild der Tuba in den New Orleans Brass Bands an.

Auch im Sentiment des Gesangs und in gelegentlichen Momenten des Schmelzes auf der Violine gerät die Musik nicht zu lieblich. Das verhindert ein ausgeprägtes Stilbewusstsein. Von einem aberwitzigen technischen Raffinement ist das Spiel Tcha Limbergers, dabei ohne Effekthascherei. In ihrer schnurrenden Geläufigkeit bestechend die Solopassagen des Leadgitarristen Renaud Dardenne.

„Zigeuner“, heißt es seitens des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, „ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird – so haben sich die Sinti und Roma nämlich niemals selbst genannt“. Tcha Limberger schon. In einer seiner Conferencen distanziert er sich vom „politisch korrekten“ Verbot der Verwendung des Wortes. Er sei ein Zigeuner. Ein Problem mit dem Wort gebe es nur, wenn es negativ gemeint sei.

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