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Taylor Swift.

„Folklore“

Taylor Swift - Vollendung einer Songwriterin

„Folklore“, das neue Album von Taylor Swift, soll die Quarantäne-Zeit des Popstars spiegeln.

Frauen im Pop müssen sich 20-mal neu erfinden. Sie müssen immer wieder neue Facetten zeigen und dann hoffen, dass alle damit einverstanden sind.“ Das sind Taylor Swifts Worte aus der Netflix-Dokumentation „Miss Americana“, die im Januar erschienen ist – eine Dokumentation über einen der erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Der Film ist ein intimer Blick in das Leben eines einstigen Highschool-Mädchens, das es mit Country-Songs in die Herzen zahlreicher Fans geschafft und sich von Album zu Album zum funkelten Popstar gewandelt hat. Zu einer 30-jährigen Musikerin, die ernst und verspielt zugleich ist, aber auch unter permanentem Druck steht.

Dementsprechend kann auf ihrem neuen und achten Album „Folklore“ die Angst zu versagen ein großes Thema sein. Alle Augen ruhen auf Swift. Ob sie es deswegen so überraschend veröffentlicht hat? Auf eine Ankündigung hat sie verzichtet. In einem Beitrag auf Instagram schrieb sie Ende vergangener Woche: „Die meisten Dinge, die ich diesen Sommer geplant hatte, sind nicht passiert. Aber es gibt etwas, das ich nicht geplant hatte – mein achtes Studioalbum ‚Folklore‘. Überraschung!“ Weiter hieß es, dass sie all ihre Launen, Träume, Ängste und Gedanken in die 16 neuen Songs gesteckt und das Album völlig abgeschirmt aufgenommen habe.

Es ist also Swifts Corona-Album. Die Fotos, die sie dazu postete, zeigen, dass sie sich von der Außenwelt isoliert und ganz natürlich gibt. Keine bunten Nägel und schrillen Outfits wie bei ihrem unaufgeregt-selbstverliebten Album „Lover“ von 2019. Und auch ihre mittlerweile berühmte Katze Olivia ist nicht zu sehen. Was also macht nun Swift auf „Folklore“?

Bereits die erste, ebenfalls über Nacht veröffentlichte Single „Cardigan“ macht klar: wunderschöne Folk-Pop-Musik! So singt sie in der Ballade über einen betrunkenen Fremden in Jeans, der ihr bekannt vorkommt: „But I knew you, dancin’ in your Levi’s, drunk under a streetlight, I, I knew you.“ Es erinnert ein wenig an ihre Kollegin Lana Del Rey. Die große Sehnsucht nach etwas oder jemandem ist rauszuhören – die jedoch nicht tragisch wirkt, sondern wie ein ferner Stern funkelt. Ein cleveres Songwriting, die Instrumente reduziert auf Klavier, Gitarre und etwas Elektronik. Und dann ist da noch ihre klare Sopranstimme, die über die Zeilen hinwegschwebt, als wäre sie ganz nah an dem Hörer und zugleich doch fern.

Das Album Taylor Swift: Folklore. Universal. Aber letztlich ist es nicht Rey, die sie inspiriert hat. Auf Instagram schrieb Swift, dass der Singer und Songwriter Justin Vernon, bekannt unter dem Namen Bon Iver, ihr unter anderem bei dem Album geholfen hat. Der Song „Exile“ ist ein ergreifendes Duett beider, zu dem Swift deutlich in die Klaviertasten haut, während Vernon mit Bassstimme über eine zerbrochene Beziehung sinniert. Im Refrain singen sie fast filmreif: „I think I’ve seen this film before, and I didn’t like the ending“ (Ich glaube, ich habe diesen Film schon einmal gesehen und ich mochte das Ende nicht).

Ja, auf „Folklore“ scheint Swift ganz auf ihre Gefühlswelt zu setzen. Wer dachte, dass sie sich nach ihrer offenen Positionierung gegen die Republikaner und Donald Trump auch bei dieser Gelegenheit politisch äußern würde, hat sich geirrt. Corona ist ebenfalls kein Thema. Und ihr Statement zur gleichgeschlechtlichen Liebe war dem Album „Lover“ vorbehalten. Was verwundert, wenn man an Swifts Netflix-Dokumentation zurückdenkt, in der sie sich eingesteht, dass sie jetzt als Star die Möglichkeit habe, ihre Fans für Wahlen und Politik zu mobilisieren.

Doch andererseits stört es überhaupt nicht, dass Taylor Swift sich derzeit nur auf Social Media politisch zeigt und auf dem Album beim Persönlichen bleibt. Das Album wirkt sehr intim, was neben den Themen der Songs vor allem an der musikalischen Aufbereitung liegt. Auf all die Synthies- und Pop-Ouvertüren, die sich auf ihren letzten Albenansammelten, hat sie verzichtet. Es klingt roher, als ihre frühen Country-Werke.

Denn wenn auch Stücke wie „Betty“ an jene Zeit anknüpfen, ist Swift seit ihrem Debüt von 2006 subtiler und sicherer beim Schreiben ihrer Lieder geworden. Wenn sie Zeilen über eine selbstzerstörerische Beziehung wie in „Hoax“ singt, verbirgt sich da nun eine lyrische Tiefe. Ein Gänsehautmoment: „Don’t want no other shade of blue but you, no other sadness in the world would do“ – „Ich will keinen anderen Blauton als von dir, keine andere Traurigkeit auf der Welt würde hier rankommen“.

In „Miss Americana“ zeigt sich Swift traurig, weil ihr 2017 erschienenes Album „Reputation“ keinen Grammy gewonnen hat. Als ihre Managerin dann fragt, ob es ihr damit gut gehe, sagt sie: „Ja, ich werde einfach ein besseres Album machen!“ Damals schrieb sie ihr Nachfolgealbum „Lover“, das ebenfalls keinen Grammy gewann. Doch das jetzige Werk „Folklore“ könnte auf den besten Weg dahin sein. Swift hat sich nämlich einmal mehr gewandelt. Nach Country und Pop präsentiert sie sich nun als fantastische Song-Schreiberin.

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