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Taylor Mac im Punk-Renaissance-Kostüm.

Taylor Mac

Taylor Mac: Die eigene Scham

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Einmalig: Die Drag-Queen Taylor Mac erzählt mit 246 Popsongs an vier Tagen 240 Jahre amerikanischer Geschichte.

Nach etwa fünf Stunden zwanzig riss es das Publikum von den Sitzen. Immer mehr Menschen, die im Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele zwischen Bierdosen, Nelken, Schlafmasken und Tischtennisbällen fläzten, standen auf und klatschten. Und klatschten. Sie applaudierten dem Mann, der in Pumps, Glitzerslip und unter einem üppigen Kopfschmuck mit blutroten Streithähnen soeben „Banks of the Ohio“, die Moritat eines Frauenmörders aus dem 19. Jahrhundert, beendet hatte.

Sie wollten gar nicht aufhören zu klatschen, weil er dieses Lied so kraftvoll gesungen hatte, als ob es das erste und nicht das ungefähr sechzigste Stück an diesem Abend gewesen wäre. Und weil er es nicht als zynisches Lied eines alten, weißen Mannes, sondern als zornigen Befreiungsschlag eines Cherokee-Mädchens gegenüber dem alten, weißen Mann, der sie als Kind gekidnappt hatte, sang. Und weil er es so queer und zugleich so patriotisch präsentierte, so anders patriotisch, so nicht auf die herrschende Gesellschaft, sondern auf alle Menschen bezogen patriotisch.

Und weil er dabei so unglaublich gut aussah und sich so hingab und trotzdem alles im Griff hatte. Und weil alle selbst schon so lange durchgehalten hatten. Und dann klatschten sie noch viel mehr, weil die Wellen des Applauses Taylor Mac, König und Königin des Abends in einem, zu rühren schienen, weil so etwas wie eine Träne in seinem extraterrestrischen Augenmake-up schimmerte. Aber dann hob er die Hand, wartete mit leichter Strenge, bis der Applaus abebbte, und setzte seine Geschichte fort: „Und Harry fragte Louise Marie ...“.

Das, vielleicht, ist das Allerbewunderungswürdigste an Taylor Mac: Dass er nicht eitler ist, als es seine Rolle erfordert. Oder kennen Sie einen weiteren Showkünstler, der das Publikum zwingt, etwa 40 Minuten lang eine Schlafmaske zu tragen (um so blind zu sein wie Harry, der sein Augenlicht 1812 auf einem Schlachtfeld im britisch-amerikanischen Krieg verloren hatte), während er weiter performt, als wäre es für Millionen Augen zur besten Sendezeit?

„Wir huldigen nicht dem Künstler, sondern dem Kunst machen“, hatte Taylor Mac schon ganz zu Anfang gesagt, als er die Regeln dieser auf vier Abende verteilten, 24-stündigen Show erklärte, zu denen gehörte, dass der Zuschauer auf dem Altar dieses Zusammentreffens geopfert werden würde. Was nicht nur eine Warnung vor zahlreichen Mitmachaktionen war, sondern auch die subversiven Botschaften des Abends gut zusammenfasste.

Taylor Mac, 1973 in Kalifornien geboren, ist Schauspieler, Dramatiker, Sänger, Regisseur und Produzent. Die ersten anderen Schwulen, die er sah, wie er einmal in einem Interview sagte, waren gleich Tausende von ihnen bei einem Marsch anlässlich der ersten Aids-Erkrankungen in den 80ern in San Francisco. Da wusste er gleich, was auf dem Spiel stand und identifizierte sich von Anfang an als Teil einer buchstäblichen Bewegung. Den Interviews zufolge, die man ergoogeln kann, ist Mac privat eher der Pullovertyp. Und die Basis seiner Performance-Arbeit, für die er etliche Preise bekommen hat, sind handfeste Theatertalente.

Die 24-stündige Geschichte der Popmusik der letzten 24 Jahrzehnte („A 24-Decade History of Popular Music“) hat Mac Stück für Stück in Clubprogrammen entwickelt. Gestützt auf jeweils historisch passende – nicht nur amerikanische – Songs, wirft er das Joch der „heteronormativen Erzählung“ ab und erschließt amerikanische Geschichte von der Unabhängigkeit bis ins Jetzt aus der Sicht derjenigen, die darin sonst gar nicht oder nur am Rande oder als Opfer vorkommen. Vor drei Jahren war das Ganze dann auf 24 Stunden angeschwollen und in Brooklyn spielte er es damals auch am Stück; meist zeigt er aber nur Ausschnitte. In den Berliner Festspielen ist als einzigem Ort in Europa jetzt in Stücken doch das Ganze zu sehen, und an dem etwa 50-köpfigen Team von Musikern, Sängern und Burlesque-Künstlern wirken auch zahlreiche lokale Künstler mit.

Zu den fiktiven Protagonisten seiner von den Rändern her gesungenen und erzählten Geschichte gehört im ersten Kapitel (1776–1836) etwa Beatrice, die Ende des 18. Jahrhunderts die Unterdrückungen des Hausfrauendaseins erleidet, bis sie die Frauenrechtlerin Katie kennen- und küssen lernt. Oder Crazy Jane, die als Barbesitzerin um die Wende zum 19. Jahrhundert mit den Abstinenzlern kämpft. Und der arme Harry, der seine Jane nicht heiraten darf, aber trotzdem schwängert, bevor er in den Krieg zieht, worauf sie das Kind verliert und beide später ein verwaistes (!) Cherokee-Mädchen zwangsadoptieren, mit dem sie sich dann, wieder Jahrzehnte später, auf den Trail of Tears begeben, den Pfad der Tränen, wie die Vertreibung der Native Americans und der Schwarzen aus dem fruchtbaren Georgia ins weniger fruchtbare Oklahoma genannt wird, wobei mehr als ein Viertel von ihnen starb.

„Können wir mal eine Beleuchtung für Oklahoma bekommen“, rief Taylor Mac gegen 23 Uhr, nachdem er mit einigen Musikern und Sängern, die er direkt an der Rampe um sich und seinen Reifrock geschart hatte, den Pfad der Tränen mit Kinderliedern, Hungerliedern und Liedern aus den schwarzenfeindlichen Minstrel Shows intoniert hatte. Und plong! ging hartes Arbeitslicht auf der Bühne an, denn in Oklahoma, so Mac, herrsche überall ein Licht wie in einer Apotheke, vielleicht, weil sich die Leute schon mal aufs Himmelreich vorbereiten wollten, wenn sie es schon auf Erden nicht so schön hätten (oder so ähnlich).

Zu den Songs, die er, angefangen mit „Amazing Grace“, so hymnisch, ironisch oder dreckig präsentiert, wie es der Erzählung dient, und zur als Screwball Comedy präsentierten Historie, die er mit Zuschauerhilfe teils szenisch markiert, kommen noch die privaten Conférencen, die in dieser Verbindung die eigentliche Sprengkraft enthalten. Wie die Geschichte aus dem Restaurant, in dem er einst mit zwei anderen Drag-Queens Pirogi aß, als sie von einigen Hetero-Männern provoziert wurden. Die Aufforderung, eine von ihnen aufgespießte Pirogge zu essen, konterte einer von Macs Freunden mit der Zumutung, ihm diese aber doch bitte anal zu verabreichen, was er so lange wiederholte, bis der ursprüngliche Angreifer um Gnade flehte, die die Drag-Freundin aber nicht gewährte. „Sie wollten, dass wir uns schämen“, kommentierte Mac den Sieg. „Aber diese A+Drag-Queen hat ihnen ihre eigene Scham gezeigt.“

Es ist eine wilde und zarte, böse, witzige und durch und durch politische Show, die unglaublichen Punk-Renaissance-Glamour-Kostüme von Machine Dazzle habe ich noch gar nicht erwähnt, es gab Äpfel und Nelken und Bier für die Zuschauer, die die zauberhaft-burlesquen Dandy Minions teils unten ohne reichten. Man konnte mittanzen und rausgehen, wenn man wollte, Taylor Mac schwebte an Luftballons im Bühnenhimmel, verabschiedete jede Stunde würdevollst einen Musiker, hatte schon etliches gegeben – und noch weitere 18 Stunden vor sich.

„Wäre es nicht die wahre Revolution“, fragte er an einer Stelle, „wenn wir zu jedem anderen einfach nur rückhaltlos ,Ja‘ sagen würden?“ Ja, das wäre es. Und man kann das ruhig zu Hause ausprobieren.

Haus der Berliner Festspiele: Kapitel 3 und 4 am 18. (1896–1956) und 20. (1956–2019) Oktober. www.berlinerfestspiele.de

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