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Tami Neilson „Kingmaker“: Unterwürfigkeit war gestern

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Von: Stefan Michalzik

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Tami Neilson.
Tami Neilson. Foto: Outside Music © Outside Music

Tami Neilsons großes Album „Kingmaker“ erneuert den Country.

Mit Recht wird Tami Neilson als eine Retterin der Country Music gefeiert. In den Anfängen ihrer Karriere von Ende der nuller Jahre an setzte die in Neuseeland lebende Kanadierin sich zwar schon mit ihrer Retroausrichtung vom gängigen Nashville-Sound ab, mit „Don’t Be Afraid“ (2015) jedoch begann sie mit dem Genre in einer weitaus offeneren Weise umzugehen. Bald darauf bekannte sie sich zu einer feministischen Haltung, mit der sie einen Gegenentwurf darstellt zu Tammy Wynettes Genreklassiker „Stand By Your Man“ aus den siebziger Jahren, der auf aufopferungswillige Hingabe der Frau rekurrierte und damit das konservative Geschlechterrollenbild im Country beinahe schon unfreiwillig satirisch auf die Spitze trieb.

Geld auf dem Konto

Wie eine Gegenansage zu Tammy Wynette mutet „Ain’t My Job“ an, einer der Songs auf „Kingmaker“, dem neuen Album von Tami Neilson. „Du willst, dass ich dir Essen koche, doch das ist nicht mein Job/ Du sagst mir, dass ich abnehmen soll, doch das ist nicht mein Job/ Mein Alter steigt, mein Wert sinkt/ Doch ich habe viel Geld auf meinem Konto/ Und das kommt daher, dass ich nicht für dich arbeite, weil es nicht mein Job ist“.

Da sind Anklänge an die stilbewusste Coolness einer Nancy Sinatra, in einem Teil der Songs indes tritt die andere, die hingebungsvolle Seite zutage, die Sehnsucht. Was ja keinen Widerspruch darstellt: Nichts spricht gegen Hingabe in der Liebe, solange es sich um eine wechselseitige handelt, mit Augenhöhe als Voraussetzung. Unterwürfigkeit war gestern.

Das Album:

Tami Neilson: Kingmaker. Outside Music/H’Art.

In diesen Momenten dann erinnern die Musik und besonders auch der Gesang von Tami Neilson an Dolly Parton und an Patsy Cline. Die Fortentwicklung der Popgeschichte verläuft bekanntlich spiralförmig, und so sind es auch bei Neilson die Rückgriffe auf die fünfziger und sechziger Jahre, mit denen sie das Genre erneuert. Weitab von Alternative Country und Americana, letztlich ist es der Mainstream, auf den sie in ihrer speziellen Art zielt, wenn man so will beglaubigt durch ein hinreißendes Duett mit dem alten „Outlaw“ Willie Nelson, der Walzerballade „Beyond the Stars“. Es ist, mehr noch als auf „Chickaboom!“(2020), Klanggröße, eine Stimmgewalt à la Shirley Bassey, samt effektvoll eingesetzten Streichern. Aufgehorcht, Mr. Tarantino: das sind Songs, die sich für den Soundtrack eines Ihrer nächsten Filme anbieten.

Als Kind ist Tami Neilson mit The Neilsons getingelt, der Familienband um ihren Vater Ron, mit zehn Jahren spielte sie im Vorprogramm der Country-Legende Kitty Wells; das lässt sie in dem autobiografisch motivierten Song „King of Country Music“ anklingen. Stilsicher die vielen Anleihen bei Blues, Gospel und Soul.

Und ein feistes Lachen

Mag sein, dass es ein Ort der Diaspora wie Neuseeland – und nicht das Stammland USA mit den Trumpisten und deren reaktionärem Konterversuch besonders auch in Geschlechterfragen – sein musste für eine derartige Neubestimmung des Genres im Fahrwasser des „sexy feminism“ in der Popmusik. Das offensiv selbstbewusste, in sympathischer Weise beinahe feiste Lachen, mit dem dieses Album endet, lässt sich auch wie ein Stinkefinger in Richtung der Verfechter des neokonservativen Geschlechterbildes lesen.

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