Jazz in der Romanfabrik

System im Getümmel

  • vonHans-Jürgen Linke
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Johannes Enders und Günter Sommer spielen nicht immer übersichtlich, aber höchst präzise in der Romanfabrik Frankfurt.

Günter Sommer, den alle „Baby“ nennen, hat für den Anfang zwei Strohbesen gewählt, dazu eine Lufttrommel und zwei oder drei Luftbecken. Johannes Enders beginnt mit dem Sopransaxofon, allerdings kanalisiert und verstärkt es zunächst nur Atemgeräusche. So fängt die Luft über der Bühne an zu vibrieren. Das Duo-Konzert in der Frankfurter Romanfabrik, hat Sommer gesagt, sei dem Andenken an den verstorbenen Freund Ekkehard Jost gewidmet, aber es wird deshalb kein Trauerkonzert. Sommer hat neben seinem Drumset eine große Basstrommel stehen, hier und da sind zusätzliche Deckel, Klangschalen, Cymbals montiert, irgendwo unten liegen weitere Besen, Schlegel, kleine Instrumente und jede Menge Stöcke herum. Er scheint mit dem festen Vorsatz auf die Bühne gekommen zu sein, alles zu benutzen.

Dennoch hat sein Spiel wenig Verspieltes. Sommer agiert – auch wenn seine exaltierte Beweglichkeit, sein Grimassieren, seine Selbstanfeuerungsrufe auf etwas anderes hinzudeuten scheinen – stets mit großer Systematik und einem präzisen Klangsinn. Und nie vergisst er, dass zu den basalen Aufgaben des Schlagwerkers die Markierung des Rhythmus gehört. Gelegentlich kann es geschehen, dass dem Publikum im Getümmel die Zählzeiten abhanden kommen, aber Sommer weiß immer, wo er ist.

Enders ist daneben, obwohl einen Kopf größer, oft in Gefahr, in der Live-Situation ins Hintertreffen zu geraten. Bei Sommer gibt es mehr zu sehen, zumal man ja generell beim Schlagzeug scheinbar sehen kann, wie die Klänge entstehen. Beim Saxophon bleibt das weitgehend im Dunklen. Ein Mann, der ins Alt- oder Sopransaxophon bläst, liefert meist einfach weniger Augenfutter. Und ein Sommersches Schlagwerk-Solo-Stück gerät dann zum hoch verdichteten und allseits bewunderten Schaustück an Vielschichtigkeit, Virtuosität und Suggestivkraft.

In puncto Klangreichtum und -fantasie, Systematik und Spontaneität in der Verarbeitung des Materials, Nachdruck und Geschichtsbewusstsein für die eigene Musik aber steht Enders niemandem nach. Ein wendungsreiches Monk-Medley (und war da nicht auch ein bisschen Charlie-Parker-Altsaxofon dabei?) und eine dann doch auch visuell spektakuläre Phase, bei der Enders streckenweise markante Reibungen mit gleichzeitig gespieltem Alt- und Sopransaxofon herstellt, bilden im Konzert eine eindrucksvolle zweite Hälfte, in der Sommer der respekt- und fantasievolle Begleiter des Partners ist.

Als Zugabe war dann nur noch Energie für ein beharrlich-intimes Maultrommel-Sopransaxofon-Duo da.

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