feu_parce_neu_300720
+
Gern lässt es das Quintett eigenartig hüpfen: Parcels.

Neue Alben

Wo die Energie gebündelt wird

  • vonPhilipp Kause
    schließen

„A Steady Drip, Drip, Drip“ und „Live Vol. 1 – From Hansa Studios Berlin“ eine Live-Session ohne Publikum: Eigenwillige Synthie-Pop-Alben von den Sparks und den Parcels.

Put your fucking iPhone down & listen to me!“, skandieren die Sparks in der Schlüsselzeile ihres Spätwerks „A Steady Drip, Drip, Drip“. Auf ihre alten Tage steigt die Veröffentlichungsfrequenz des Brüder-Duos aus Los Angeles. Orchestralen Rock schieben die Tüftler gegenüber dem Vorgänger „Hippopotamus“ weitgehend beiseite. Ihre Arrangements konzentrieren sich 2020 stark auf Synthesizer, die gut mit dem markant-schrillen, schrägen, schnellen Falsettgesang des zerzaust aussehenden Russell Mael einher tuten.

Dass Synthie-Pop in dieser Form sehr clean und in erster Linie wie urbane Kunst klingt, andererseits sehr funky geraten und Reibung erzeugen kann, zeigt ein Vergleich der australischen Newcomer-Band Parcels mit den Senioren Sparks. Die Sparks-Brüder sind 71 und 74 Jahre alt. Beim Nachwuchs aus der Küstenstadt Byron Bay sind alle um die 24.

Sparks setzten Maßstäbe mit dem berühmten Radio-Hit „This Town Ain’t Big Enough For the Both of Us“ und der LP „Kimono My House“ (1974). Gemessen daran sind die fünfköpfigen Parcels mit ihrer applausfreien Konzertplatte „Live Vol. 1“ die heutigen Sparks.

Einordnen lässt sich der weiche, sportliche, dezent verquaste Synthie-Funk-Pop des Quintetts kaum. Rezensenten droppen Namen über Namen als Vergleiche: Steely Dan, Prefab Sprout, Chic, Beach Boys, Phoenix, Hall & Oates, The Strokes, The Cars, Frank Ocean. Nun, Querflöte, Vibraphon und verfremdete Sprachschnipsel finden sich bei wenigen dieser Heroen – bei den Herren aus Down Under schon. Die französische Tageszeitung „Le Monde“ wittert einen Brückenschlag zwischen Daft Punk und Bee Gees, nennt die Parcels „electro-funkig“.

Die Alben Sparks: A Steady Drip, Drip, Drip. BMG Rights Mgmt./Warner. Parcels: Live Vol. 1 – From Hansa Studios Berlin. Caroline/Universal. Synkopen, Schläge zwischen den rhythmischen Taktbetonungen hüpfen eigenartig über die fließende Casio-Keyboard-Grundierung. Die ersten Singles der heute in Berlin wohnenden Parcels erschienen bei Kitsuné, einem Pariser Platten- und Modelabel mit Hang zu bouncendem, glitzerndem Hipster-Sound. Dort gestartet, eroberten die Newcomer via Spotify und dank disziplinierter Konzertarbeit und genutzter Festival-Chancen (Glastonbury, Coachella, Lollapalooza) zahlreiche Fans.

Sprache spielerisch durchs Schriftbild zu verfremden, findet bei Parcels und Sparks gleichermaßen statt. Die Wahlberliner schreiben in Songtiteln stets alle Wörter ineinander, zum Beispiel „Tieduprightnow“. Ihre Stücke tragen wenig Text, und wenn, dann setzt der Lead-Gesang etwas oberhalb des Sparks’schen Falsetts ein. Bei „Live Vol. 1“ handelt es sich um eine Session-Aufnahme ohne Publikum. Instrumentale Zwischenspiele wie die Acid-House-artigen Fragmente in „Redline“ und „Elude“ verweben alle Tracks zu einem Energie bündelnden, kaum zu bremsenden, harmonischen, warmen, traumartigen Strom aus Tönen. Satte Bässe und knackig einkerbende Kickdrum-Schläge wurden herausragend abgemischt. Trotz alledem wirkt alles höflich zurückhaltend.

Senioren wie Junioren veröffentlichen wegen Corona je sieben Wochen nach dem digitalen Release auf CD und Vinyl. Lieferketten waren verlangsamt, Läden zu, Plastikmasse in Presswerken knapp. Eine Chance auf ein zweites Entdecken!

Bei den Sparks lohnt sich das zumal, weil nicht die ersten Songs packen. Man sollte hinten anfangen. Ab dem zehnten Track sprinten die Kalifornier in besondere Gefilde, schicken einen Kracher nach dem anderen ins Rennen: das grantige Lied „iPhone“, den süßen Bubblegum-Novelty-Song „Onomata Pia“, das theatrale, Vaudeville-artige „The Existential Threat“, das knarzende Stakkato-Feuerwerk „Nothing Travels Faster Than the Speed Of Light“, das elegische, genial-ironische „Please Don’t Fuck Up My World“ und das perkussiv groovende „One For the Ages“! Völlig verrückt wirkt die Sparks-Variation über Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ in der Persiflage „Stravinky’s Only Hit“.

Zwei eigenwillige Platten! Die eine wirbelt hin und her, die andere fließt extrem ebenmäßig.

Kommentare