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Aus dem Video.

Rap-Video

„Susamam“: Es bricht einem das Herz

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Das türkische Rap-Video „Susamam“ bietet Bilder und Botschaften, die jeden berühren.

Rauchende Fabrikanlagen, von einem Panzer aus besehen. Kraterlandschaften vertrockneter Erde. Mit Plastik verseuchte, trübe Meere. Menschen hinter Gittern oder mit Zombiemasken, Kinder barfuß und in Baracken, ein trinkender Obdachloser in einem gefliesten Gang, Gärten hinter Stacheldraht, Hochhäuser, die einem gegenüberstehen wie eine feindliche Armee, Polizisten, die auf Demonstranten prügeln, verstümmelte, elende Hunde auf der Straße, eine Frau, die die Überdosis Tabletten schon bereitgelegt hat, ein sich überschlagendes und explodierendes Auto auf der Autobahn und immer wieder schmelzendes Eis.

Man könnte sagen: Das Eis ist zu viel. Aber nein, es ist nicht zu viel, es gehört dazu. Es ist pathetisch, es wurde bis zur Lächerlichkeit als Bild der Klimakatastrophe bemüht, aber die schlechte Nachricht ist: Es ist Realität. „Doesn’t it break your heart?“, bricht es nicht dein Herz, heißt es, natürlich auf Türkisch in dem 15-minütigen türkischen Rap-Video „Susamam“ (Ich kann nicht schweigen), das vor einer Woche von dem türkischen Musiker Sarp Palaur alias Saniser auf Youtube veröffentlicht und inzwischen (Stand Donnerstag) über 20 Millionen Mal angesehen wurde.

Doch, das tut es. Man muss kein Türkisch verstehen, vielleicht noch nicht einmal die englischen Untertitel, die es mittlerweile gibt. Man muss auch die türkischen Verhältnisse nicht so genau kennen, die Bilder nicht alle dechiffrieren können, man muss nicht jung sein und die Zukunft noch vor sich haben, man darf auch ruhig weiß und privilegiert sein, damit einem dieses Video tatsächlich ans Herz geht.

Was selbstredend vor allem an dem dringlichen, emotionalisierenden Rap-Sound liegt, an den rhythmisch klagenden Stimmen der 18 Beteiligten, darunter mit der Singer/Songwriterin Deniz Tekin auch eine nicht rappende Frau, die Palaur zu diesem Omnibus-Video eingeladen hat. Was aber auch daran liegt, dass archaische Bilder zu einem Themenspektrum gefunden wurden, in dem jeder seine oder ihre eigenen Ängste wiederfindet.

Hier stehen junge Leute unter jagenden Wolken am Abgrund der Städte und geben uns noch einmal die Chance zu sagen: Stopp! Es ist das Video für die, die sich trotz aller guten Argumente doch nicht völlig mit Greta identifizieren können. Und denen das große Ganze für den Anfang vielleicht zu viel oder zu allgemein ist und die lieber die Teile ihres unmittelbaren Umfelds summieren – und damit persönlich viel riskieren.

Ein Risiko ist diese thematisch in 15 Hashtag-Kapitel eingeteilte Tour de force für die Macher in der Tat, wie (dann natürlich doch vor allem) die Textspur zeigt. Die Regierung wird nur implizit angegriffen, wenn es etwa heißt: „Wenn sie dich eines Nachts zu Unrecht einsperren, wird darüber kein einziger Journalist berichten können, denn sie sitzen alle im Knast.“ Die wesentlichen Spitzen aber gehen gegen die Gesellschaft.

Zwei junge Männer sitzen unter der Überschrift “#hukuk“ (Gesetz) in einer Zelle. Einer im T-Shirt und einer im Anzug. Letzterer nennt sich einen „weißen Türken“, der im Ausland studiert hat, sich für unpolitisch hält, aber inzwischen trotzdem nicht zu twittern traut. Genau solche Leute wie er seien an der Hoffnungslosigkeit schuld, wirft ihm da der andere vor. Die im Anzug, mit ihrem Kaffee in der Hand und nur dem eigenen Startup im Sinn – das Gesetz, um das sie sich nicht gekümmert hätten, bringe sie jetzt mit zu Fall.

Andere Kapitel sind #Natur, #Türkei, #Bildung, #Faschismus oder #Frauenrechte. Deniz Tekin singt, mit ihrer Gitarre hinter Absperrgittern auf einer Bühne sitzend, davon, was ihr alles nicht passiert sei: keine Zwangsheirat, kein Missbrauch, keine Verschleppung, nicht ermordet – und dann werden die Namen all jener eingeblendet, für die sie hier nicht sprechen kann, allen voran der der von ihrem Ex-Mann erstochenen Emine Bulut.

Wie befreiend und identitätsstiftend dieses Video in der Türkei selbst wirkt, kann man von außen nur ahnen. Aber in jeder Gesellschaftsspezifik („Syrer waren unsere Nachbarn, jetzt sind sie unsere Einwohner“) liegt auch eine internationale Verstrickung und Verantwortung, die sich in der geschilderten Verpackungsform ganz unmittelbar transportiert. „Susamam“, ich kann nicht schweigen, ist eine Botschaft mit nicht nur musikalisch globalem Potenzial. „Ich kann nicht schweigen“ ist eine Warnung. Und ein Versprechen.

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