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Abschiedslieder. McCartney (li.) und Lennon 1966 in München, zwei Monate vor Candlestick

Beatles

Summer of 66

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Das letzte Livekonzert der Beatles ist inzwischen unglaubliche 50 Jahre her.

Paul McCartney und Ringo Starr sind berühmte Musiker. Betagte Musiker auch, durchaus. Aber betagte Musiker, die immer noch aktiv sind – deren letztes Livekonzert mit der Band, die sie berühmt machte, aber 50 Jahre zurückliegt. Das letzte. Fünfzig.

Candlestick Park, San Francisco, 29. August 1966, 21.27 Uhr. Die Beatles betreten die Bühne. Ein paar Töne zur Probe und dann „Rock’n’Roll Music“: Ziemlich punkiger Anfang, jedenfalls auf der soundtechnisch mittelprächtigen Aufnahme, die Pressemann Tony Barrow mit hochgehaltenem Kassettenrekorder in der Menge macht. Gekreische, als John Lennon lossingt.

Was gäbe man für einen Film, der die halbe Stunde und die elf Songs von Candlestick zeigt. Es existiert nur die Tonaufnahme. Niemand weiß, auf welchem Weg sie an die Öffentlichkeit gelangte. Das Original übergab Barrow den Beatles; McCartney weiß nicht mal, wo es ist. Es sei noch so viel Zeug von damals übrig, sagte er dem Magazin „Rolling Stone“, so viele Dinge – er staune oft darüber, was man alles ausgräbt. Barrows Kopie der Livekassette lag eingeschlossen im Schreibtisch. Wie auch immer die Aufnahme in die Welt gelangte: Es ist ein Wunder, dass sie nicht für Millionen Pfund gehandelt wird, sondern auf Youtube für alle zu hören ist.

Direkter Übergang ohne Pause zum zweiten Lied, „She’s A Woman“. Das Stück läuft gut. Eine richtig schmissige Band sind die Beatles. Riesengeschrei bei Pauls Gesangseinsatz und bei jedem neuen Detail. Gitarrensolo. Ekstase. Danach Ansage: „Thank you! And hello! Good evening!“

Die Beatles spielen an jenem August-Montag nicht ihre größten Hits. Vieles ist ja noch gar nicht komponiert. „Penny Lane“ entsteht erst 1967, „Come Together“ 1969, „Let It Be“ 1970. Lieder, die niemals von ihren genialen Urhebern vor Publikum gesungen wurden – nicht einmal 1969 beim legendären Londoner „Rooftop Concert“ auf dem Dach der Plattenfirma Apple, das offiziell nicht als Konzert zählt, weil unangekündigt und ohne Eintritt. Es fehlen in Candlestick aber auch frühe Hits wie „Can’t Buy Me Love“ und „She Loves You“.

Drittes Lied: „If I Needed Someone“: Schön mehrstimmig, natürlich schlecht ausgesteuert. Es klimpern schon fernöstliche Einflüsse in George Harrisons Song. Vier: „Day Tripper“: Monster-Riff, Gesang nicht ganz hasenrein, aber temperamentvoll und ausgelassen, fast ein bisschen verspielt. Jedenfalls klingt es nicht nach: Wir haben keine Lust mehr und das ist unser letzter Gig. Fünf: „Baby’s In Black“: Die Mädchen im Hintergrund wirken etwas erschöpft, das Kreischen wird leiser, schwillt aber mitten im Lied wieder an. Vielleicht macht jemand auf der Bühne Grimassen.

Die meisten Menschen, die Rockmusik mögen, haben zumindest Teile ihres musikalischen Lebens mit den Beatles verbracht. Die wenigsten sahen sie je live, denn das letzte Konzert liegt surreale fünfzig Jahre zurück. Die Stones treten immer noch auf.

Beklemmend soll die Atmosphäre gewesen sein, heißt es. Im Käfig aus Zaun hätten die Beatles gespielt. Die Arena halb gefüllt, nur 25 000 Tickets waren zu haben. Preise: 4,50 bis 6,50 Dollar, Gage: 90 000 Dollar, berichtet die „Beatles-Bibel“. Summen, über die Stars heute lachen. Auch das halbvolle Stadion bedeutete genug Chaos. Der Tumult ist auf dem Mitschnitt körperlich zu spüren. Unerklärlich, wie die Band das jahrelang aushielt. Die Typen waren Anfang zwanzig.

Sechs: „I Feel Fine“. George Harrison: „Etwas sehr altes – dieser Song wurde 1959 aufgenommen.“ Ein Wimpernschlag aus heutiger Sicht. Sieben: „Yesterday“. Paul sagt, es sei „a bit chilly“. Lausig kalt war es, Ende August in Kalifornien. Acht: „I Wanna Be Your Man“. Ringo singt und lässt die Becken zischen. John: „Thank you, Ringo.“ Neun: „Nowhere Man“. Ansage im Marschrhythmus („He’s-a-real-no-where-man-sit-ting-in-his-no-where-land. Oh yeah!“), Ausführung im Honigwerbung-Sound. Man spürt, dass die vier immer noch für ihr Leben gern Musik machen. Was drumherum passiert, nehmen sie mit wachsendem Befremden zur Kenntnis.

Ansage Paul: „We’d like to carry on, I think. We’re not really sure yet. I’d like to carry on. Certainly. Definitely.“ Sie würden gern weitermachen. Paul sagt es ins Mikrofon, vor Tausenden im Stadion. Später, in London, werden sie sich anders entscheiden. Hätte es ein Zurück zu kleinen, entspannten Konzerten gegeben, vielleicht wäre es dann weitergegangen. Aber das war undenkbar. Nicht für die Band, sondern fürs Publikum. Für die Musikhistorie. Drei Jahre später ist die Trennung der Beatles beschlossene Sache.

Zehn: „Paperback Writer“. Noch so ein legendäres Gitarrenriff, live viel wirkungsvoller als auf der Platte. Diesmal ohne „Frère Jacques“-Chor, wie sie ihn manchmal gern dazualberten. Elf: „Long Tall Sally“. Aufforderung zum Mitmachen. „Klatscht, singt, redet, egal. Dieser Song ist … gute Nacht.“ Nach einigen Sekunden des letzten Stücks endet die Aufnahme. Die Kassettenseite ist voll, 30 Minuten vorbei. Am Ende soll John Lennon noch ganz sacht den Anfang von „In My Life“ gespielt haben, ehe er den anderen hinterher von der Bühne rannte. It was the summer of 66.

Wird es ein großes Jubiläumskonzert geben in Candlestick? Nein, das Stadion ist abgerissen, dort entsteht ein Einkaufszentrum. Das letzte Konzert dort gab: Paul McCartney. 2014. Er spielte „Long Tall Sally“ bis zum Ende.

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