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Das Süße und seine Spielarten

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Anne-Sophie Mutter in der Alten Oper.
Anne-Sophie Mutter in der Alten Oper. © Ansgar Klostermann

Anne-Sophie Mutter und Londons Philharmoniker lassen sich in Frankfurts Alter Oper auf das Genialische ganz und gar ein.

Der genialische Titelheld mit dem heute so ganz anders konnotierten Namen Manfred ist im deutschsprachigen Raum kaum noch bekannt. Lord Byron erfand ihn, nachdem er die Schweiz bereist und Goethes „Faust“ gelesen hatte. Robert Schumann regte das zu einer gleichnamigen Musik an, von der praktisch nur die Ouvertüre noch aufgeführt wird. Jetzt war sie beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt das Entrée zu einem romantischen und hochromantisch dargebotenen Programm unter wiederum britischer Beteiligung.

Der Londoner Robin Ticciati, Jahrgang 1983, dirigierte das London Philharmonic Orchestra durch eine mildgestimmte „Manfred“-Ouvertüre, geisterhaft genug. Ticciati, von Haus aus Violinist, Pianist und Schlagwerker, von der Saison 2017/18 an Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, ist ein sehr freundlich wirkender, für den Außenstehenden gelegentlich etwas geheimnisvoll gestikulierender, jedenfalls stark gestikulierender Dirigent. Es gelang ihm aber allemal auf seine Weise, für die Solistin in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll eine fabelhaft gediegene, rücksichtsvolle Grundlage zu schaffen.

Anne-Sophie Mutter war es, die sich auf das Genialische nun ganz und gar einließ – das Genialische ist eine hochprofessionelle Affäre, sobald Musikinstrumente ins Spiel kommen. Nach wenigen Takten setzte der erste Virtuosensturm ein und hielt mehr oder minder an. Süße (luftige, lichte, nie klebrige), Wucht und eine vermutlich uneinholbare Höchstgeschwindigkeit taten sich zu einer umwerfenden Wirkung zusammen. Die reine Schönheit zeigte sich in vielen Farben und machte die große Kadenz zu einem respektheischenden Ereignis. Die Spielerin selbst dabei weitgehend in sich gekehrt, keine, die offensiv das Duett mit dem begleitenden Klangkörper sucht. Es darf sich gleichwohl ergeben, und die Homogenität des Londoner Orchesters war dafür denkbar geeignet. Mutter störte es derweil nicht, einmal vorneweg zu rasen. Auch eine Bach-Zugabe bewegte sich sofort in Richtung Virtuosität, ein souveränes Spektakel.

Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 9, „Aus der neuen Welt“, gehört zu den stärker strapazierten Konzertpunkten. Hier spielten die Londoner unter Ticciato ihre ganzen Möglichkeiten aus, feinste, putzmuntere Dynamik, unorthodoxe Generalpausen, ein 1A-Verklingen. Die von anderen Teilen des Publikums niedergehusteten Beifall-Versuche zwischen den Sätzen (selbst noch nach dem Largo) werden gerade die Plage der modernen Konzertwelt.

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