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Die süße Gesangswelle

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Virtuose Alben der jungen Countertenöre Valer Sabadus und Jakub Józef Orlinski.

Mit Countertenören verhält es sich ein bisschen wie mit Espresso: Eine „Dritte Welle“ schlägt derzeit hoch. Die erste Espresso-Welle kam mit den Gastarbeitern nach Deutschland, die zweite dann in den 90er Jahren mit den Espresso-Bars, und aktuell ist „Third Wave“-Kaffee angesagt als das hippe Getränk aus möglichst schonend behandelten Bohnen.

Die Countertenor-Wellen schwappten in den gleichen Dekaden: Erst kamen Dellers, Bowmans und Eswoods wundersame Töne über den Ärmelkanal und spülten Hörgewohnheiten weg, dann kam Andreas Scholl, die enorme Einmann-Welle, und heute sprießen männliche Alt- und Mezzosopransänger aus dem Boden wie Nespresso-Boutiquen. Der Unterschied: „Third Wave“-Kaffee schmeckt mächtig sauer, die neuen Countertenor-Stimmen dagegen sind von enormer Süße. Zwei Alben aus dieser Generation seien hier vorgestellt: Valer Sabadus, 1986 in Rumänien geboren – seine Familie gehörte zur deutschsprachigen Minderheit der Banater Schwaben –, in Niederbayern aufgewachsen, in München zum Countertenor ausgebildet. Auslöser war eben Andreas Scholl: Im Fernsehen sah der damals 17-Jährige einen Auftritt des Alt-Stars und imitierte dessen Singen. Seine Mutter, eine Pianistin, hatte da erkannt: Ihr Sohn ist ein Countertenor.

Auf seiner neuen CD „Caro Gemello“ singt Valer Sabadus Arien, die geschickt um die freundschaftliche Beziehung des Kastraten Farinelli und des Librettisten Metastasio herum aufgebaut sind, die Musik stammt von Popora, Caldara, Hasse und anderen Barockmeistern. Die verlangen von Sabadus häufig einen Wechsel in die Bruststimme und generell einen langen Atem, den der 31-Jährige mit großer Lockerheit und Stimmschönheit zu liefern imstande ist. Kein Aufreger, kein Durchpeitschen, vielmehr Stimmkultur auf hohem Niveau.

Gerade 28 Jahre alt geworden ist der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski. Sein Debüt-Album „Anima sacra“ hat er der geistlichen Musik gewidmet, es ist damit naturgemäß das kontemplative Gegenstück zum Opernfuror Sabadus’. Nicola Fago, Domènec Terradellas, Gaetano Maria Schiassi, Francesco Feo, so heißen die Komponisten, deren Werke – wie übrigens auch im Falle der Valer-Sabadus-CD – garantiert noch nicht im heimischen Musik-Schrank zu finden sind. Jakub Józef Orlinskis Timbre ist gedeckter und klingt artifizieller als das seines Kollegen und passt damit überaus gut zu den barocken Motetten und Oratorienausschnitten. Seine virtuosen Qualitäten darf aber auch er aufblitzen lassen, Johann Adolf Hasse gab ihm mit seinem Petrus-Oratorium entsprechend fulminanten Stoff an die Hand.

Der Pole mit der leuchtenden Stimme pflegt übrigens noch eine zweite Karriere: Er ist professioneller Breakdancer, internationale Konzerne buchten ihn bereits für Werbefilme. Auf youtube kann man sich ein Bild davon machen. Oder man könnte den Countertenor im Januar in Frankfurt besuchen, wenn er im Bockenheimer Depot die Titelrolle in Händels „Rinaldo“ singen wird – wenn nicht die sechs Vorstellungen bereits ausverkauft wären.

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