Alte Oper

So süß, so leicht, so hingebungsvoll

  • schließen

Die Russische Nationalphilharmonie und der Pianist Lucas Debargue spielen Werke von Peter Tschaikowski in Frankfurts Alter Oper.

Das erhöhte Aufkommen von Tschaikowski-Musik vor Weihnachten fand jetzt zur Reinform in einem wunderschönen Pro-Arte-Konzert mit der Russischen Nationalphilharmonie. Das ist ein vergleichsweise junges Orchester – als Kollektiv, die Musikerinnen und Musiker sind eine altersmäßig gut gemischte Gruppe – aus der frühen Putin-Zeit. 2003 gegründet, wurde es laut Selbstbeschreibung „sofort zum Symbol des neuen modernen Russlands, das sich aus einer tiefen Krise zu neuer Stabilität entwickelt hat“. Staatsbejahung durch Künstler hat Tradition, und es ist nicht die erfreulichste. Peter Tschaikowski war ein Einzelgänger und ein Kosmopolit. Seine Homosexualität wäre im neuen modernen Russland weiterhin auf eine staatlicherseits mitnichten niedergerungene Homophobie gestoßen.

Auf dem Programm in der Alten Oper Frankfurt zunächst das 1. Klavierkonzert, ein süffiger Knaller, den der Solist Lucas Debargue so eigenwillig darbot, dass zwischen einem echten Hänger in einer Kadenz und einer extremen Verzögerung im Nachhinein nicht wirklich zu unterscheiden war (in der Situation wirkte es eher wie ein Hänger). Während makellose Technik nicht das Geschäft des 1990 geborenen Franzosen ist, eines vielbeachteten relativen Späteinsteigers ins Virtuosengeschäft, waren die jazzhaften Sphären, in die er Tschaikowskis Rhythmen zwischenzeitlich trieb, überraschend und belebend. Auch zeigte er sich zunehmend als Teufelspianist mit mutigen Hochgeschwindigkeitsphasen. Der Violinist Vladimir Spivakov, Dirigent des Orchesters seit dessen Gründung, führte mit Umsicht die Nationalphilharmoniker und den durchaus frei flottierenden Pianisten zusammen. Debargue spielte als Zugabe und Kontrastprogramm – nicht was die süße Melancholie, aber was die schlanke Darreichungsform betraf – das Stücklein „Nostalgie du pays“ des Polen und Wahlparisers Milosz Magin.

Dass das Orchester einen vorzüglichen Tschaikowski-Klang mitbringt, effektvoll, präzise und trotz großer Besetzung nie zu dick auftragend, war im Klavierkonzert bereits hörbar und zeigte sich nach der Pause in hingebungsvollen, aber nicht besinnungslosen Vorführungen der „Dornröschen“- und der „Nussknacker“-Suite. Vor allem die Streicher sorgten hierbei für eine Leichtigkeit, die jede Befürchtung, man könne auf Dauer doch noch einen Zuckerschock erleiden, in fein silbrigen, weichen, stets ausreichend gekühlten Flächen verschwinden ließ.

Er, der Zuckerschock, steht nun den Orchestermitgliedern bevor, denen während der drei Zugaben eine Schokoladenspezialität nach der anderen aus dem Publikum gereicht wurden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion