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Sudan Archives.

„Athena“

Sudan Archives: „Athena“ – Geigen zu Schwertern

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Das futuristische Debütalbum von Sudan Archives alias Brittney Denise Parks.

Ich ziehe mich immer königlich an. Wenn Du dann rausgehst, weißt Du, dass Du eine Königin bist und respektiert werden musst.“ Die Forderung nach Respekt, schon in den sechziger Jahren ein prägendes Motiv des Soul, von Aretha Franklin nachdrücklich in einem Refrain in Versalien ausbuchstabiert, ist – wundern muss das einen nicht – für die Avantgarde im zeitgenössischen R&B unvermindert ein, wenn nicht gar das zentrale Thema. So auch für die als Sudan Archives firmierende afroamerikanische Musikerin Brittney Denise Parks.

Auf der Hülle zu „Athena“, ihrem grandiosen Debütalbum, präsentiert sich Parks in Gestalt einer Bronzestatue der Athene, der Schutzgöttin der Kämpfenden wie auch Göttin der Weisheit in der griechischen Mythologie. Die Statue hält das gar nicht mal unbedingt zentrale, jedoch den Sound mitprägende Instrument von Sudan Archives, die Geige, in die Höhe. Von selbiger sagt die Mittzwanzigerin, sie benutze sie wie ein Schwert, um ihre Feinde zurückzuschlagen.

Gelernt hat Brittney Denise Parks das Instrument als Kind in der Kirchengemeinde ihrer gläubigen Mutter in Cincinnati (Ohio), aus eigenem Antrieb und nach Gehör. „Black Vivaldi Sonata“ heißt pointiert eine Nummer – mit Vivaldi hat sie nichts zu tun, der Titel ist wohl eher als Verweis auf die Aneignung der Geige zu verstehen, die bekanntlich im Ruf steht, ein Instrument für höhere (weiße) Töchter zu sein. Ihre charakteristische Klangästhetik entwickelte die heute in Los Angeles lebende Musikerin aus einer eingehenden Beschäftigung mit der Musikethnologie des afrikanischen Kontinents. Beim Gegenhören markant ablesbar ist insbesondere die erklärte Inspiration durch Francis Bebey, den aus Kamerun stammenden Pionier einer Fusion von Ethno und Electro, von dem sich Parks den regionalspezifisch geprägten Umgang mit der Geige als ostinatem Rhythmusinstrument abgeschaut hat, teils mit vielen Pizzikati und Klopfern auf den Korpus. Wie so viele der Avantgardisten und -innen des R&B derzeit ist auch Sudan Archives im Zusammenhang eines neuen Afrofuturismus zu sehen.

Zwei vielbeachtete EPs sind auf dem seit Mitte der neunziger Jahre für zukunftsweisende Fusionen von HipHop, Soul, Funk und Jazz – Stichworte: Madlib, J Dilla – einschlägig bekannten kalifornischen Label Stones Throw erschienen. Und nun eben das Album-Debüt mit 14 Songs. Seine Atmosphäre schwankt binnen vierzig Minuten zwischen düsteren Farben und schleppenden Beats und einer gelassenen, mal gar ausgelassenen Stimmung. Ihre anfängliche Produktionsweise, allein in ihrem Wohnzimmer, hat die Multiinstrumentalistin zwar aufgegeben zugunsten einer Studioproduktion mit einigen Kombattanten. Die Stimme jedoch spricht über die Klangschichten hinweg mit einer unprätentiösen Intimität.

Ungeachtet von Motiven wie Trennung („Iceland Moss“) und Einsamkeit, daneben auch schwarze Identität und Spiritualität, sprengt dieser gut durchgeformte Songzyklus mit seiner stellenweisen musikalischen Nähe zum TripHop den Rahmen einer gepflegten Melancholie entschieden. Die geistige Grundlage ist ein zeitgenössisches Verständnis von Weiblichkeit. Ihr gehe es, wird Parks im Beipackzettel ihres deutschen Vertriebs zitiert, um eine Ermutigung von Frauen, die in ihrer Beziehung unterdrückt werden und emotional Schaden nehmen – sie mögen sich ihrer Macht bewusst werden.

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