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Dem Sturm die Stirn bieten

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Frank Turner.
Frank Turner. © Veranstalter

Wohltemperierter Exzess mit dem herrlich antimodernistischen Frank Turner auf der Mainzer Zitadelle.

Von Stefan Michalzik

Auf einem Fanshirt von Frank Turner ist ein Bild mit einer verschwitzten Szene zu sehen, in der sich der Star von der Bühne herunterbeugt, während sich ihm eine Masse von Händen begeisterter Anhänger entgegenstreckt. Genau so hat man es bei dem Konzert des britischen Folkpunksängers im Zuge des Festivals Summer in the City auf der Mainzer Zitadelle zwar nicht sehen können. Dennoch ist es aussagekräftig. Es gibt sie noch, auch in der jüngeren Generation (Jahrgang 1981), die aufrechten Hüter der ehernen Werte in der Rockmusik. In einer vollends ungebrochenen, antimodernistischen Art trachtet Turner nach der großen wilden Rock’n’Roll-Show ohne viel Drumherum. Und er macht das nicht übel und in jedem Fall – da muss man wohl das zutiefst obsolete Wort einmal aus der tiefsten Tiefe der Mottenkiste holen: grundehrlich.

„Positive Songs for Negative People“ – fröhliche Musik für, sagen wir: trübsinnige Leute nennt er programmatisch sein neuestes, vor einem Jahr herausgebrachtes Album. Es ist sein sechstes seit dem Solodebüt vor knapp zehn Jahren. Verglichen mit dem vorausgegangenen, bisherigen Gipfelwerk „England Keep My Bones“ von 2011, wirkt es blass.

Es sind auch in seinen Texten die alten Werte, die er beschwört, besonders den Rock’n’Roll. Der Eliteuniabsolvent und Weißes-Hemd-mit-Krawatte-Träger, der eine Vergangenheit in der respektablen Post-Hardcore-Band Million Dead hat, ist ein Sänger für die „kleinen Leute“, politisch natürlich vollends korrekt; ein wenig fühlt man sich an Billy Bragg erinnert.

Alles, sagt er irgendwann zum Ende dieses Abends, handle vom Zusammenkommen, von Gemeinschaft. Zum Brexit will er gar nicht viel sagen: Offenkundig seien die Politiker in seinem Land gerade dabei, mit harten Drogen zu experimentieren. „...and face the next storm“ – dem nächsten Sturm die Stirn bieten, das ist eine typische Textzeile. Die immer wieder aufröhrende Stimme und die Show mit dem häufig in die Höhe gestreckten Gitarrenhals und gelegentlichen Luftsprüngen lassen deutlich die auch erklärte Affinität zu Bruce Springsteen erkennen.

Musikalisch bietet der Querschnitt durch das Repertoire an diesem Abend ungeachtet der beherzt aufspielenden Begleitband The Sleeping Souls ein gewisses Gleichmaß. Das ist wohltemperierter Exzess, mitsamt wohllaunig verplauderten Conférencen für das in zwei Hälften geteilte Publikum. Wahrhaftig nichts gegen Frank Turner: Er macht das alles mit einer ungeheuren Emphase, keine Frage.

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