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In strahlender Stille

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Isländerin Sóley, die jetzt zu Gast im Frankfurter Palmengarten war.
Isländerin Sóley, die jetzt zu Gast im Frankfurter Palmengarten war. © Ingibjörg Birgisdóttir

Klangtupfer für den langen, ruhigen Fluss: Die fabelhafte Isländerin Sóley beim Summer-in-the-City-Festival im Frankfurter Palmengarten.

Von Tim Gorbauch

Geduld ist etwas, das sich Musik, Popmusik zumal, nur selten leistet. Dinge geschehen zu lassen, ihnen zuzuhören, wie sie langsam wachsen. Überhaupt Einfachheit zuzulassen, Schlichtheit, etwas Kindliches und zugleich Märchenhaftes, das alles aber zugleich so auszutarieren, dass es nicht belanglos klingt, sondern, fernab aller Songwriter-Routine, in seiner Sparsamkeit besonders.

Wer nicht weiß, was damit gemeint ist, der hätte die ersten fünf Minuten im Frankfurter Palmengarten hören sollen, als Sóley Stefánsdóttir sich an den riesigen Flügel in der Orchestermuschel setzt und mit faszinierender Lust an der Ereignislosigkeit einen luftigen, entrückten Popsong erfindet. Früher war die Isländerin oft ganz allein auf der Bühne, mit Gitarre, Klavier und einer Loopmaschine, heute hat sie ein kleines Ensemble um sich geschart.

Man sieht eine Posaune, ein Akkordeon, ein Bass, eine als E-Piano getarnte Orgel, manchmal auch hört man eine Klarinette. Aber nie darf man sich das üppig vorstellen oder opulent, eher schon wie Klangtupfer, die sich einfügen in einen langen, ruhigen Fluss, in dem Kategorien wie Strophe und Refrain verschwimmen.

Der Palmengarten ist voll besetzt, alle Bänke gefüllt, dahinter hat man Decken ausgebreitet, die mehr oder weniger vor der Nässe schützen, die der Regen, der gerade noch rechtzeitig aufhörte, den Tag über vergoss. Die Stille der Musik überträgt sich ins Publikum, was wiederum auf die Musik zurückstrahlt, die sich so gar nicht behaupten will, nie laut wird und nur beim letzten Song, „I’ll drown“ von Sóleys erstem Album „We sink“, so etwas wie Größe sucht.

Als ihr Debüt vor ein paar Jahren erschien, war das eine kleine Sensation. Man kannte ja schon eine Menge entrückte, irgendwie elfenhafte oder zerklüftete Songs aus Island, Björk, Sigur Rós, die Liste ist endlos. Aber diese sonderbare, eigensinnige, verkapselte und gleichzeitig gespenstische Versponnenheit war doch neu.

Längst spielt die 30-Jährige auch ihre älteren Lieder noch langsamer, auch inniger und zugleich mit mehr Raum. Lange dachte die Multi-Instrumentalistin nicht, dass sie eine irgendwie interessante Stimme habe. Bis sie sich für ihren fast murmelnden Gesang das eigene, passende Umfeld baute. Die stille, fragile Konsequenz, die sie dabei an den Tag legt, ist großartig zu hören. Einen der wenigen Sommerabende des Jahres konnte man kaum besser verbringen.

Die nächsten Konzerte der Frankfurter Summer-in-the-City-Konzertreihe: 2. August Oum, 9. August Patti Smith, 16. August Erika Stucky.

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