Alte Oper Frankfurt

Strahlende Marke

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Alles Beethoven beim Konzert mit der Academy of St Martin in the Fields mit dem Pianisten Nelson Freire.

Nur Beethoven spielte die Academy of St Martin in the Fields beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt, wo Murray Perahia das Solo im 5. Klavierkonzert übernehmen sollte. Für ihn sprang Nelson Freire ein, der nach langer Abwesenheit wieder konzertiert und manchen an alte Zeiten denken lassen mochte.

1970 hatte Freire in einem legendären Konzert des Sinfonieorchesters des HR im Sendesaal ein Klavierkonzert von Béla Bartók gespielt, bevor dann Michael Gielen seine Schule machende Interpretation von Beethovens 3. Sinfonie in den Metronombezeichnungen des Komponisten zur Diskussion stellte. Heute sind die schnellen Tempi Beethovens durchgesetzt und haben den „Titanen“ als deutschen Importeur der französischen Revolutionskompositionen Étienne Méhuls und François-Joseph Gossecs offenbart.

Das martialische Gepränge, der Marschduktus, das Pathos, aber auch die getragene Holzbläser-Hymnik der langsamen Sätze – sie zeigten sich jetzt auch in der 2. Sinfonie: linksrheinische Klang-Kollektivität erhält dank der rechtsrheinischen und donau-östlichen Drift herzliche, subjektivistisch blühende Klangtriebe. Eine ästhetische Win-win-Situation, von den Londoner Musikern vorzüglich als diffiziles, detailverliebtes Geschehen geboten, das doch unter dem Druck scharf durchlaufender Bewegungszüge steht. Solches ließ man auch den immer als typisch deutsche Klangversenkung missverstandenen langsamen Partien angedeihen. Es sind die getragenen Prozessionsmusiken, die auf dem Pariser Marsfeld zu den Kultfeiern der Vernunft erklangen und beethovensches Innerlichkeitsferment wurden. Begonnen hatte das Konzert mit der G-Dur-Romanze, bei der die Academy mit ihrem Primarius Tomo Keller aufgeräumte Feinfühligkeit bewies.

Das 5. Klavierkonzert steigerte die deutsch-französische Klangsynthese, wo die Marcia-Gänge im ersten, die Tänze um den Freiheitsbaum im dritten und die Gedenk-Liturgien des zweiten Satzes dem Tutti, der mitfühlende, aber auch anstachelnde Aspekt dem Solo-Part zugeordnet sind. Freire trat lakonisch und vorpreschend auf – die Academy in Alarmbereitschaft versetzend, um dem Wechsel der Stimmungstemperierung zu folgen. Eine Arbeitsteilung, die zu Nutz und Frommen der Einheit von großmächtiger und persönlicher Attitüde gelang. Revolutionäre Pathetik im Verein mit virulenter Innerlichkeit: die Marke Beethoven strahlte.

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