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Sopranistin Christiane Karg mit Simon Lepper am Klavier im Opernhaus Frankfurt.

Musik

Still aufsteigen

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Christiane Karg beim Liederabend in der Oper Frankfurt.

Eine Krankmeldung der Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, die sich im Opernhaus Frankfurt erstmals vorgestellt hätte, machte aus einem interessanten Debüt die Wiederbegegnung mit einer vertrauten und beliebten Sängerin. Christiane Karg, Ensemblemitglied bis 2013, stellte aber ein eigenwilliges Programm vor, das sie erst zwei Tage zuvor beim von ihr geleiteten Kunstklang Festival in ihrer Heimatstadt Feuchtwangen gesungen hatte. Jetzt war sie froh, es gleich noch einmal verwenden zu können. Zeit hatte sie – im siebten Monat schwanger – auch, und selbst ein Pianist fand sich, Simon Lepper, der mit den Titeln vertraut war, etliches davon nicht aus dem Standardrepertoire von Liederabenden in Deutschland. Manchmal muss es einfach passen.

Damit spielte auch das Programm, das auf den ersten Blick Reibung erwarten ließ: Debussy, Satie, Wagner, aus Anlass des 100. Todestages von Claude Debussy in diesem Jahr und in einer wohlkalkulierten Reihenfolge. Liedern des Franzosen folgten zunächst Nummern seines Landsmannes Erik Satie, die das Tristanische der „Fünf Gedichte von Charles Baudelaire“ (1887-1889) leicht und doch bestimmt in Richtung reizender U-Musik schoben.

Nach der Pause und einer weiteren Debussy-Gruppe, den farbenreichen „Vergessenen Weisen“ (1886) waren es Richard Wagners Wesendonck-Lieder, die Zweifel am Wert der Erdenschwere in der deutschen Musik weckten, allerdings auch raffiniert mit ihren Tristan-Motiven wieder verflüchtigten. Debussy machte jedenfalls eine bedeutende Figur. Ihm, so die Sopranistin vorab – denn wunderbarerweise gelang zwar noch ein Programmdruck, aber die Liedtexte blieben natürlich unkommentiert –, habe sie mehr von jenem Raum geben wollen, der ihm musikgeschichtlich zustehe. Als versierter Liedsängerin, die von aller Opernhaftigkeit absehen kann und über eine immens ausgefeilte Stimmkontrolle verfügt, fiel ihr das nicht schwer. Die Baudelaire-Lieder waren so flirrend zart, dass sie wie zerbrechliche Körperlein erschienen, Luftgespinste, aber vorzüglich abgestützt. In Saties „Engeln“ ging es bis an die Schwelle des Gerade-noch-Hörbaren (so mag es wohl sein, wenn Engelsstimmen „still aufsteigen“), bevor mit „Ich begehre dich“ Walzerseligkeit aufschwappte. Simon Lepper immer dicht und licht dabei. Probenprozesse wurden dermaßen ad absurdum geführt, dass man gar nicht darüber nachdenken darf.

Dass beim leise ironischen Satie-Song „Spleen“ der Titel (zu Recht) mit „Weltschmerz“ übersetzt wird, ist ein schönes Beispiel für den unterschiedlichen nationalstaatlichen Umgang mit einer so privaten Angelegenheit wie Melancholie. Das Individuum hat dabei aber immer die Wahl. Christiane Karg wählte auch für Wagner so kühlen Schmelz, dass ihre Ankündigung,  keine Zugabe singen zu wollen, nur betrübt hingenommen werden konnte. Selbstverständlich will Lust Ewigkeit.

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