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Paul Weller. REUTERS/Dylan Martinez

Popmusik

Stil und Form

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Neue Alben von Paul Weller, Harry Styles und dem Moon Duo.

Der gute Ton Modfather, Capuccino Kid, Changingman: Paul Weller hat fast so viele Aliase wie sein britischer Landsmann David Bowie selig. Und wie der es tat, so verstand auch Weller sein Wirken stets als ganzheitliches Konzept: Rock’n’Roll als Geschmacks- und Stilberatung. Zuletzt trafen seine Platten freilich nicht immer so sicher den Ton wie seine unverändert tadellose Protobritpop-Frisur oder die Parka- und Pollunderkollektionen, die er für das Modelabel seines Epigonen Liam Gallagher schneidern lässt: Zu bratzig und unlässig klang das meiste. Sein 25. Album darf nun als Rückkehr zu alter Form gefeiert werden. Plötzlich sind wieder Bläser da und Streicher und alles, was das Leben sonst noch schön macht. Er schreibt auch wieder Liebeslieder wie das sehr entspannte „New York“ oder „She Moves With The Fayre“, eine blauäugige Ballade voll Soul und Sehnsucht, wie sie ihm seit dem Ende von The Style Council nicht mehr gelungen ist. Mit der euphorisch verzagten, vom Titel eines Gedichts von Noel Gallagher inspirierten Schlussnummer „The Impossible Idea“ ist sogar ein potenzieller Radiohit dabei. „The impossible idea that love might change the world“, heißt es da. Vergiss die Revolution, lass uns Liebe machen – das ist die Idee des ganzen Albums. Es ist nicht die schlechteste.

Paul Weller: A Kind Revolution. Parlophone/Warner.

Zeichen der Zeit Jetzt ist die Platte endlich da. Durch die Klatschforen war ja schon vorab ein Tsunami gebrandet, als die Lyrics eines Songs namens „Kiwi“ durchgestochen wurden: „I’m having your baby/it’s none of your business“, singt Harry Styles da. Ist er Vater geworden? Und spricht er mit dem Titel seine neuseeländische Ex-Freundin an, das Model Georgia Fowler? Man weiß es nicht. Aber es gibt Schlechteres für einen Boyband-Alumnus – Styles war der Junge mit den unglaublichen Haaren und dem unglaublichen Charisma bei One Direction – als Diskussionen über den Tiefsinn der Songtexte. Zumal sich der 23-jährige Brite auch sonst sehr smart mit der Trostlosigkeit der Welt im Allgemeinen und des Lebens als Teen-Idol im Besonderen auseinandersetzt, Robbie Williams nicht unähnlich – die kühn konstruierte Single „Sign Of The Times“ klingt wie das unheilvolle Widerspiel zu „Angels“. Der Rest des Albums wird von einem unaufdringlichen 70s-Softrock-Vibe umweht, vieles ist skizzenhaft und von angenehm beiläufiger Verfänglichkeit. „Like punk never happened“, würde Paul Weller sagen. Mehr gäbe es aber nicht zu kritteln an diesem sehr hörenswerten Debüt.

Harry Styles: Harry Styles. Sony Music.

Lass die Sonne rein Mit seinem mächtigen grauen Bart und der schwarzen Rundum-Brille wirkt Ripley Johnson wie der Chef einer Biker-Gang. Seine Partnerin Sanae Yamada sieht aus, wie 1969 in Altamont eingefroren und kürzlich wieder aufgetaut. Zusammen nennen sie sich Moon Duo, sie sind aus San Franciso, und ihre Musik klingt so ähnlich, wie man sich immer vorgestellt hatte, dass Musik klingen würde in einer Zeit, in der es den Rock’n’Roll nicht mehr gibt. Diese Platte ist Teil zwei eines Album-Diptychons: Volume 1 ihrer okkulten Klangarchitektur war der Finsternis gewidmet, nun geht beim Moon Duo die Sonne auf. Man hört dies auch, mit allem Drama und allem Wahnsinn. Ohne pinkfloydartige Künstelei, auch ohne das anstrengende Herummeandern vieler Krautrocksachen – diese Musik will einfach nur schön sein, ohne Rücksicht auf irgendwas. Am frühen Morgen auf einem Outdoor-Rave oder im Café del Mar auf Ibiza fliegt man vermutlich weg zu diesen Hör-Spielen, die manchmal daherkommen, als wäre Nirvana in ein Wurmloch gefallen, manchmal wie ein verschollenes Werk der Weird Sisters, der Hausband von Hogwarts. Also wunderbar weit, weit weg, aber bei alldem sind die beiden Musiker freidrehend stilsicher und sehr herzergreifend.

Moon Duo: Occult Architecture Vol. 2. Sacred Bones/Cargo Records.

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