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Produziert seit 50 Jahren Hits: Rod Stewart on stage. 

Rod Stewart

Lass und noch einmal darüber reden

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Rod Stewart unterhielt wie gewohnt seine Fans und verweigerte Größeres.

Das Schlimmste sind die Ohrwürmer danach. Rod Stewart hat sich mit seinen zum Teil 50 Jahre alten Hits der Tonspuren im Kopf bemächtigt und will nicht mehr weichen. Das ist, man möge es nicht falsch verstehen, keine Missfallensbekundung. Man kann gar nicht anders, als das Gedächtnis für Melodien zu befragen und mit der eigenen Erinnerung abzugleichen. Der britische Popsänger Rod Stewart war da, und hat seinen zahlreichen, mit ihm gealterten Fans – die Mehrzahl weiblich – mit klanglichen Süßwaren beschenkt.

Manche Jungs haben einfach Glück. „Some Guys Have All The Luck“ macht den Anfang, der 74-jährige Rock Stewart hat sich in ein glamourös schimmerndes Bühnenoutfit gezwängt, enge, nach unten zulaufende Hosen werden auch im weiteren Verlauf des Abends bevorzugt. Die Videowand gibt alles. Zum besungenen Glück werden Casinobilder eingespielt, Rod Stewart im Las-Vegas-Ambiente. Aber gerade mit der Technik hapert es in der Mercedes-Benz-Arena noch ein wenig, gleich mehrfach muss Rod Stewart sich für Ungereimtheiten im Ablauf und den miesen Anfangssound entschuldigen. Man befinde sich schließlich erst am Beginn einer fünf Monate dauernden Tournee. Das wird schon. Die Routine ist natürlich beeindruckend. Wenn unterm Hallendach ein Luftballon vor dem Zeitpunkt seiner choreografischen Bestimmung zerplatzt, hält Stewart mitten im Lied den Atem an und lacht dabei herzlich. Der Mann versteht etwas von Shows, aber wenn etwas schiefgeht, dann weiß er das Misslingen in Charme umzumünzen. Die Leute haben ihn dafür gern. Aber er mag sie ja auch.

Ein bisschen komisch ist es dann aber doch, wenn er in „Young Turks“ jungen Herzen dazu rät, sich heute Nacht ganz frei zu fühlen. In vielen der vorgetragenen Lieder geht es darum, den Augenblick festzuhalten. „Forever Young“. Rod Stewart, dessen Tanzbewegungen bisweilen ein wenig in Stocken geraten, wirkt dann wie der Vertreter einer Gesundheitsversicherung, der Bonuspunkte für besondere Fitnessaktivitäten verspricht. Herz und Seele, Heart and Soul, werden geradezu inflationär aufgerufen, besonders gefällig in „The First Cut Is The Deepest“ von Cat Stevens. Das empfindsame Organ wird gestohlen oder gebrochen, und wo der Ozean auf den Horizont trifft, wird gesegelt, nicht nur in dem Stück „Rhythm of My Heart“, sondern auch später beim obligatorischen Abräumer „Sailing“. Die Fans von Rod Stewart wissen, was sie von ihm bekommen, und er zahlt den Betrag vollständig aus, auch wenn die vielen Showgimmicks ein wenig überladen wirken, etwas weniger wäre auch okay gewesen. Es ist viel los auf der Bühne, zwei Violinistinnen und eine Harfenspielerin werden von drei tanzenden Sängerinnen begleitet, Saxophon, zwei Schlagzeuge und zwei Gitarren sorgen für ein kräftiges Soundspektakel, das erst im Verlauf des Abends ordentlich abgemischt ertönt. Rod Stewart reiht dass alles unter mehrfachem Kostümwechsel, den er selbstironisch kommentiert, hübsch aneinander. Am schönsten gerät dabei ein akustisches Mittelstück im Lounge-Stil, in dem Allzeitfavoriten wie „Maggie May“ und „I don’t Want To Talk About It“ erklingen. Rod Stewart setzt dabei auf die Mitsingzwänge, es klappt mal mehr oder weniger gut, und ich gestehe: Ich habe es auch getan.

Und doch ist es ein wenig schade, dass Rod Stewart außer der Gewissheit, auf angemessenem Niveau zu unterhalten, so wenig von seinem beachtlichen Material will. Ein einziges Mal wird die Hitmaschine von einer persönlichen Erinnerung unterbrochen. Stewart berichtet von einem schwulen Freund, für den er den Song „The Killing of Georgie (Part I and II) geschrieben hat, den sich die BBC aber seit 1976 zu spielen weigere, weil darin das Wort „schwul“ vorkomme. Ein Album von Stewart heißt „Every Picture Tells A Story“, „The Killing of Georgie“ bleibt an diesem Abend das jedoch einzige Stück, das jenseits der Verpflichtung zur guten Laune etwas zu erzählen hat.

Einige Male richtet Stewart sich an das Berliner Publikum. Schön, dass Sie da sind, wer weiß, wie oft man sich noch sieht. Rod Stewart ist ganz unbestritten ein großer Unterhaltungsmusiker, der sich seiner Verwurzelung im Rhythm & Blues stets bewusst geblieben ist. Wahr ist aber auch, dass die Massenbegeisterung für ihn wohl nie so groß geworden wäre, wenn er die musikalischen Grundlagen seiner Herkunftsgeschichte mit den Faces nicht poliert und geschliffen hätte. Wohl auch, um seine Stimme noch besser zur Geltung zu bringen, die das Rohe und Kantige der frühen Jahre repräsentiert. „Da Ya Think I’m Sexy?“ Ja, schon. Zum guten Ende aber wäre eine Rückbesinnung auf die ruppigen Anfänge nicht schlecht. „Mutter, erkennst Du Deinen Sohn nicht mehr?“ hieß es einmal in dem Faces-Song „Bad n‘ Ruin“. Es bräuchte vielleicht ein klein wenig mehr als die bloße Bereitschaft, die Strapazen einer langen Tournee auf sich zu nehmen.

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