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David Aaron Carpenter muss nicht Bratsche spielen.

Viva Viola!

Sternstunde mit Schnittke

Mit David Aaron Carpenter kann die Musikwelt einen Bratschisten von hohen Gnaden begrüßen. Dabei ist der 24-jährige US-Amerikaner nicht nur musikalisch äußerst versiert. Von Jürgen Otten

Von Jürgen Otten

Das Opus umfasst 98 Seiten, da lässt sich einiges unterbringen an Gedanken und Utopien. Doch nicht ein musikalisches Subjekt liegt hier vor, sondern eine Schrift, die ihren Verfasser zum Master im Fach Politik an der Princeton University machte. Und welch ein schwerwiegendes Thema hat dieser Essay: "Polarization in America: Myth or Reality?"

Geschrieben hat ihn ein junger Mann von nicht einmal 24 Jahren. Doch David Aaron Carpenter scheint auch mit anderen Gaben versehen zu sein. Er spielt außergewöhnlich gut Bratsche. So gut, dass das finnische Label Ondine einen Plattenvertrag aufsetzte, der dem US-Amerikaner die Einspielung von vier Alben garantiert: seltenes Vertrauen.

Gleichwohl ist es gerechtfertigt. Wenige Takte des Cellokonzertes von Edward Elgar, das Carpenter in einer eigenen Bearbeitung nach Vorgaben von Lionel Tertis, einem Zeitgenossen Elgars, spielte, genügen, um sich davon zu überzeugen. Der Ton ist satt, tragend, beredt, aber auch warm, differenziert, kantabel. In nicht wenigen Momenten klingt das Soloinstrument wie sein Vorbild, in diesem speziellen Fall ein Cello, so tiefsinnig singend erscheint es. Man erkennt hier eine geglückte Synthese zweier Einflüsse, deren Gegensätzlichkeit kaum größer sein könnte; hier Nobuko Imai, dort Yuri Bashmet.

Beide waren, neben Roberto Diaz, Robert Mann und Pinchas Zukerman, seine Lehrer. Carpenter sagt, Yuri Bashmet sei der wirksamste Einfluss auf sein Spiel gewesen. Die Intensität hat er von ihm, den üppigen Klang. Von Nobuko Imai hat er die Struktur. Den flirrenden Ton gab ihm Kim Kashkashian, die Ordnung und die Kantabilität Tabea Zimmermann. Die Freiheit indes hat sich David Aaron selbst genommen. Und er weiß auch, warum er sich frei fühlt, wenn er spielt: Musik ist nicht seine einzige Leidenschaft. Er muss nicht als Bratschist reüssieren. Allein, er wird es, soviel kann man nach Stand der Dinge sagen.

Nun sehen sich Bratschisten vor ein nicht geringes Problem gestellt: Das Solo-Repertoire ist, milde gesagt, dünn gesät. All die Großen, die Violinkonzerte komponierten, fühlten sich kaum je genötigt, ein Konzert für Viola und Orchester zu schreiben. Und wiewohl man Carpenter zustimmen darf, der meint, ökonomische Gründe seien dafür ausschlaggebend gewesen, so lässt sich diese Tatsache nicht aus der Welt schaffen. "Es stimmt schon, als Bratschisten haben wir nicht allzu viel Auswahl", sagt Carpenter. Aber als Künstler müsse er nicht die Beschränkungen sehen, sondern die Möglichkeiten. Und die seien erheblich. Es gebe so viel zu entdecken. In den Bibliotheken finde sich Literatur in ungeahnter Menge und von ungeahnter Qualität, und seine Mission sei es nun, diese große Fülle an bislang unbekannten Stücken für Viola solo und Viola und Orchester der Welt näherzubringen.

Dazu zählt gewiss auch das Konzert für Bratsche und Orchester von Alfred Schnittke. Im Konzertsaal erklingt es selten, der kulinarische Faktor ist gering. Dass dieses 1985 komponierte Opus zum Besten zählt, was für sein Instrument geschrieben wurde, daran zweifelt Carpenter nicht. Deswegen hat er es sich für seine erste Aufnahme erbeten. Dem Wunsch wurde stattgegeben; ebenso dem Ansinnen Carpenters, mit Christoph Eschenbach, den langjährigen Mentor und Begleiter bei den beiden Brahms-Sonaten, einen der feinsinnigsten Dirigenten, an seine Seite zu bitten, samt dem delikat und differenziert begleitenden Philharmonia Orchestra.

Eine Stunde Lebenszeit kann viel sein oder wenig. Wenn man sich das Resultat der Zusammenarbeit zu Gemüte zu führt, dann bleibt kein Zweifel: Es ist eine Stunde voll mit Sternen.

David Aaron Carpenter, Elgar & Schnittke, Viola Concertos. Ondine

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