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Stella Sommer: „Silence Wore a Silver Coat“ – Der silberne Mantel wärmt

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Von: Christina Mohr

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Stella Sommer. Foto: Gloria Endres de Oliveira
Stella Sommer. Foto: Gloria Endres de Oliveira © Gloria Endres de Oliveira

Das Winteralbum: „Silence Wore a Silver Coat“ von Stella Sommer.

Trotz der klanglichen Sanftheit ist Stella Sommers drittes Soloalbum ein Statement des Widerstands und der Verweigerung: Ganze 24 Songs sind auf „Silence Wore a Silver Coat“ zu hören, allein das eine (selbst-)bewusste Herausforderung in Zeiten verkürzter, Tik-Tok-kompatibler Aufmerksamkeitsspannen. Sommer traf noch eine ungewöhnliche Entscheidung: Das Album wird nicht bei Streaming-Diensten erscheinen, lediglich als Singles definierte Songs wie „Sorrow Had a Brother“ sind abrufbar. Sie wolle ihre Musik davor schützen, Internet-Wegwerfware zu werden, so die Künstlerin kürzlich in einem Interview. Außerdem sei ihr klar, dass niemand (Stichwort Aufmerksamkeitsspanne) so viele Songs am Stück auf Plattformen anhören würde, die auf Algorithmen und schnelles Weiterklicken aufbauen.

Man findet „Silence Wore a Silver Coat“ also nicht zufällig in einer Liste. Dieses Album fordert ein klares Bekenntnis und Zeit. Man muss sich einlassen – und kann sicher sein, dass die 34-jährige Wahlberlinerin sich selbst, ihren Songs und den Hörerinnen und Hörern einiges zutraut. Seit der ersten Veröffentlichung ihres Bandprojekts Die Heiterkeit vor zwölf Jahren ist Stella Sommer zur erstaunlichen Musikerin mit enormem Output gereift: 2018 erschien ihr erstes englischsprachiges Solowerk „13 Kinds Of Happiness“, ein Jahr später das Album „Was passiert ist“ mit Die Heiterkeit. Ende 2020 brachte sie auf ihrem eigenen Label die Platte „Northern Dancer“ heraus, in den folgenden zwei Jahren schrieb sie mehr als 60 Songs, von denen sich ein Drittel zum aktuellen Album formte.

Nur sie ist ihr Bezugspunkt

Wegen ihrer dunklen Stimme wird Sommer mit Alexandra, Hildegard Knef und Nico verglichen, man nennt sie auch „die Eiskönigin“ – doch Vergleiche führen vom Wege ab. In der hiesigen Poplandschaft ist Stella Sommer eine autarke Künstlerin, der es gelingt, nur sich selbst als Bezugspunkt zu haben. Das klingt hermetischer, als es ist, weil Sommer häufig mit anderen Künstlern und Künstlerinnen zusammenarbeitet, zum Beispiel mit Max Rieger alias Drangsal als Die Mausis. „Silence…“ entstand ebenfalls mit Beteiligung befreundeter Musikerinnen und Musiker, produziert hat es Sommer allerdings zum ersten Mal allein.

Das Album

Stella Sommer: Silence Wore a Silver Coat. Buback/Indigo.

Und sprachen wir zu Beginn von unzeitgemäßen Formalitäten: Auch der Sommer-Sound ist dezidiert unmodisch, oder besser, zeitlos. Sommer schuf sixties-inspirierte Arrangements für ihre Balladen, die dem Laurel Canyon näher sind als dem heutigen Berlin. Wegen der klassischen Instrumentierung aus Gitarre, Geige, Klavier, Horn und Bass könnte man Stücke wie den zarten Opener „A Single Thunder In November“ als Folk bezeichnen, was aber stilistisch zu kurz greift.

Die Songs tragen Spuren von Country und Chanson, verbeugen sich vor Vorbildern wie Leonard Cohen, in „Under the Weeping Mulberry Tree“ erhebt sich Sommers Stimme gar in ungeahnte Höhen. In Stücken wie „A Special Kind Of Lostness“ sorgen Hintergrundchöre für sakrale Feierlichkeit. Ja, „Silence Wore a Silver Coat“ ist ein Winteralbum, dunkel, melancholisch und – wie in „Selling Disappointment“ oder „Emptiness Follows“ – manchmal ein bisschen bitter.

Doch der titelgebende silberne Mantel wärmt und bringt Hörerinnen wie Hörer sicher durch die Kälte. Glänzend und ganz ohne modische Zugeständnisse.

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