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Andrés Orozco-Estrada dirigiert in der Basilika.

Rheingau Musik Festival

Der steinerne Subwoofer

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Mächtige Klänge beim Eröffnungskonzert des Rheingau-Musik-Festivals mit dem hr-Sinfonieorchester in Kloster Eberbach.

Z um 30. Mal findet dieses Jahr das Rheingau Musik Festival statt und, wie traditionsgemäß fast von Anfang an, dessen Eröffnungsveranstaltung in der Basilika von Kloster Eberbach. Große Werke bestimmen jedes Mal den Start, und nach den Aufführungsserien von Bruckner- und Mahler-Sinfonien gab es diesmal eine deutsch-französische Komponisten-Kombination. Von Richard Wagner wurden die Ouvertüren bzw. Vorspiele zu den Opern „Lohengrin“, „Rienzi“ und „Der fliegende Holländer“, von Hector Berlioz die „Symphonie fantastique“ gegeben.

Ein nicht ganz unpikanter Ort für die sinfonische Illustration von Hinrichtung und nachfolgendem Hexensabbath. Obwohl die 900 Jahre alte und 1803 säkularisierte Basilika damit doch auch wieder gut einhergeht: auch sie richtet vieles hin, was hier erklingt. Die kompositorische Faktur verschwindet und eine in der Erscheinung gewandelte Klanggestalt entsteht. Aber nicht transformiert ins Höhere, Strahlende, Transparente, sondern aufgebläht und dröhnend in Erdenschwere.

Das „Lohengrin“-Vorspiel zeigte aufs Schönste diese Klangwandlung: die lichte Höhe der von Wagner wunderbar ausharmonisierten Gregorianik in zarten und himmlischen Farben, mit denen der Gralsritter absteigt, um dann bei seiner Erdberührung im Tutti-Fortissimo sich jäh in einen finsteren Star-Wars-Ritter à la Darth Vader zu verwandeln. Ein umwerfender Cinemascope-Effekt, der sich bei „Rienzi“- und „Fliegender Holländer“-Ouvertüre fortsetzte. Krieg der Klänge, geschaffen von „Eberbach-Surround“, dem Sound-Morphing-System aus dem stillen Seitental des Rheingaus. Nicht im Traum hätten die Zisterzienser 1136 ahnen können, dass ihr Gotteshaus in säkularer Zeit als steinerner Subwoofer berühmt würde.

Dessen mächtige Eingriffe in ihre Klangverfassung ließen sich die Musiker des hr-Sinfonieorchesters und ihr Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada offensichtlich gefallen, denn Maßnahmen zur Erzielung von halbwegs korrekten Aufführungsbedingungen für klassisch-romantische Musik fielen nicht weiter auf. Im Gegenteil: man schien noch eins draufzusetzen, ließ es mächtig krachen und erzeugte eine riesige Geröllhalde aus Klangabraum, die ein spezielles Eigenleben hatte. Unvermittelt konnten ab und an Motiv-Bruchstücke im wogenden und donnernden Kirchenschiff auftauchen wie Treibgut, welches für sich genommen eigenen Reiz gewann.

Dennoch war dirigentische Steuermannskunst spürbar, so im finalen Teil der „Holländer“-Ouvertüre schöne Querverweise zu den „Tristan“-Friktionen samt Liebestod-Anklängen. Die Requiems-Motivik des Hexensabbaths fiel dagegen kaum ins Gewicht, nahm in der gottverlassenen Basilika doch eigentlich alles, was über Mezzoforte hinausging, jüngstgerichtliche Qualität an.

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