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Jazzgitarrist Kalle Kalima mit seinem K-18-Quartett.

Kalle Kalima

Im Steinbruch der Musikgeschichte

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Auf Augenhöhe: Der finnische Jazzgitarrist Kalle Kalima mit seinem K-18-Quartett in der Alten Oper.

Am Anfang von allem, was man hier hört, standen die Filme Stanley Kubricks. „Clockwork Orange“, „2001 – Odyssee im Weltraum“, „Dr. Seltsam“, „Shining“. Sie hatten den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima schon früh tief beeindruckt, als Kunstwerke, die sich eine eigene Welt, einen eigenen Raum erschufen. Irgendwann kam Kalima dann der Gedanke, dass man aus seinen Erinnerungen an diese Filme auch Musik machen könnte, nicht im Sinne illustrativer Begleitmusik, das wäre zu platt. Auch nicht als Übersetzungsarbeit. Sondern auf Augenhöhe.

Also suchte er sich ein kleines Ensemble zusammen, ein Quartett, das mit den Traditionen eines Jazzquartetts allerdings nichts zu tun hat, das ohne Schlagzeug auskommt, nur Gitarre, Bass, Saxofon – und, wer braucht schon ein Klavier, als vierten im Bunde einen Akkordeonisten. Der wiederum hat sich, um alle Gewissheiten noch mehr aus den Angeln zu heben, ein eigenes Akkordeon gebastelt, ein Vierteltonakkordeon, um genau zu sein, mit dem man mühelos durch mikrotonale Zwischenwelten mäandern kann.

K-18 nennt Kalima dieses Quartett, ein finnisches Kürzel, das Filme kennzeichnet, die nur Erwachsene sehen dürfen. Ob seine Musik deshalb auch eine Musik für Erwachsene ist, ist fraglich, sie ist dafür viel zu frei, offen und verspielt, auch viel zu schlau und in einem kindlichen Sinn ganz wunderbar neugierig auf das Unerwartete, Überraschende.

Drei Filmemachern haben sich Kalle Kalima, Mikko Innanen, Veli Kujala und Ville Herrala inzwischen angenommen, neben Kubrick noch David Lynch und Luis Buñuel. Mit einem 90-minütigen Querschnitt sind K-18 nun im Mozart-Saal der Alten Oper zu Gast, als Teil einer neu gestalteten, anspruchsvoll kuratierten Jazzreihe, die an diesem Abend noch zu schlecht besucht ist, aber die Hoffnung, dass Qualität sich durchsetzt, stirbt bekanntlich zuletzt.

Denn was man hier hört, ist herausragend. Hoch komplexe, ganz genau ausgehörte, virtuose Musik, die genau diese Virtuosität nie ausstellt, sondern ganz selbstverständlich und gelassen einsetzt, oft mit einem Lächeln um die Augen, weil es allen Vieren immer auch Spaß macht, dem anderen zuzuhören. Die Musikgeschichte liegt dabei wie ein Steinbruch vor ihnen, ständig wechseln die Erzählhaltungen, die Materialien, mit denen sie jonglieren, die Stimmungen, die Genres.

Lynchs „Mullholland Drive“ etwa ist eine flimmernde, flirrende, subkutan zerbrochene Verstörung. Buñuels „That Obscure Object of Desire“ ist eine abwegige Skurrilität, mehr im finnischen Tango beheimatet als im zeitgenössischen Jazz. In Buñuels „Milchstraße“ wiederum wird eine vielfach gebrochene, dafür umso kostbare Schönheit offenbar, die so nur wenigen gelingt. Als nächster Filmemacher müsste eigentlich Aki Kaurismäki kommen, vieles an Kalimas Musik erinnert an ihn. Doch das, sagt er nach dem Konzert im Bar-Gespräch mit Hans-Jürgen Linke, sei ihm dann doch zu nah.

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