HR-Sendesaal

Stehen wir also vor den makellosen Linien

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Enrico Pieranunzi, Bert Joris und die HR-Bigband ehren Chet Baker – und fügen eigenes dazu.

Der Wetterbericht: warmer, sonniger Frühherbst – passt. Im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt geht er nahtlos über in die Hommage der HR-Bigband an Chet Baker, die live übertragen wird, weshalb auch die goldene Oktoberansage über Lautsprecher läuft.

Pianist Enrico Pieranunzi war in den achtziger Jahren mit Baker auf Tour, als der Trompeter vor allem in Europa lebte. Zur Jahreswende 1979/1980 nahmen beide das Album „Soft Journey“ auf, dessen Songs dem Abend das Gerüst geben. Der belgische Trompeter Bert Joris hat sie für die Bigband arrangiert.

Es wird nostalgisch, aber nicht betulich. Joris, Jahrgang 1957, und der acht Jahre ältere Pieranunzi plaudern freundlich bis kauzig durch den Abend. Flächige Bläserpassagen reihen sich an quirlige Abschnitte, in denen der Bass von Hans Glawischnig, Drummer Jean Paul Hochstädter und Pieranunzis Flügel oder E-Piano den Ton angeben. Mal stehen Trio- und Band-Passagen scharf abgegrenzt nebeneinander, mal sind sie clever verzahnt; langweilig wird es nie.

Pieranunzis „Night Bird“ machte Chet Baker zu einem seiner Signature-Songs. Beim HR wird er zur Bühne für gleich drei Solisten der Bigband: Heinz-Dieter Sauerborn am Alt- und Steffen Weber am Tenorsaxofon sowie Günter Bollmann an der Posaune. In seiner eigenen Komposition „Lucky Thirds“ überlässt Joris den Trompetenpart großzügig Axel Schlosser, der sich mit einem energiereichen Solo kräftigen Szenenapplaus erspielt. Joris selbst steht in der Tradition Bakers, mit klarem, schnörkellosem Klang. Auch das Flügelhorn, in den sechziger Jahren Bakers bevorzugtes Instrument, bringt er häufig zum Einsatz.

Pieranunzis „Lost and Found“ ist eine Weiterentwicklung von Bakers „If I Should Lose You“, „Chet“ hat der Italiener nach dem plötzlichen Tod des Trompeters 1988 geschrieben. Ein Sturz aus dem Fenster eines Hotels in Amsterdam beendete ein wechselhaftes Leben: Chet Baker kämpfte mit Drogen, landete mehrfach im Gefängnis.

Das Programmheft der Bigband zitiert den NDR-Jazzguru Michael Naura, Bakers Spiel sei wie eines der späten Gemälde von Henri Matisse: „Alles Überflüssige ist entfernt, wir stehen vor makellosen Linien.“ Pieranunzi und Joris halten sich in ihrer „Ode to Chet Baker“ an diese Linien, entwickeln aber Farbgebung und Struktur weiter, wenn etwa die Sax-Reihe zu Klarinetten und Flöte greift oder Joris und Sauerborn Trompete und Saxophon unisono führen. Intelligenter, unaufgeregter Jazz für einen lauen Herbstabend.

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