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stegreif.orchester in der Batschkapp: Ein freier Mahler in der Natur

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Von: Stefan Michalzik

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Das stegreif.orchester.
Das stegreif.orchester. © Sophia Hegewald

Die Alte Oper ist mit dem stegreif.orchester und einem munteren Abend in der Batschkapp zu Gast.

Im Orchester ist das Individuum zumeist mäßig wahrnehmbar, beim stegreif.orchester ist das anders. Es beschäftigt sich zwar mit sinfonischer Musik, doch die Besetzung ist überschaubar – 15 Köpfe sind es an diesem Abend in der Frankfurter Batschkapp – und die Show ist choreografiert. „Auswärtsspiel“ nennt die Alte Oper eine neue Reihe, mit der sie, so im schrecklichsten Marketingsprech im Programmheft, „innovative Formate auf Orte mit kreativem Potenzial“ treffen lassen will. Am offenkundigsten spannungsreich ist zunächst mal der Kontrast von Batschkapp-Ordnern am Eingang (das Rebellenreich der Rockmusik) und Alte-Oper-Hostess zum Verkauf der Programmhefte an der Saaltür (das Imperium der Klassik).

Mit demokratischer Haltung

Auf dem Programm steht bei der nach mehrfacher Verschiebung nun nachgeholten Premiere Gustav Mahler. Kein Dirigent, keine Notenpulte, ein künstlerisches Oberhaupt zwar, der Hornist und Flügelhornspieler Juri de Marco, doch die Verfasstheit soll grunddemokratisch sein – das stegreif.orchester, gegründet vor sechs Jahren in Berlin, hat sich die Aufhebung von Konventionen zum Programm gemacht.

Abgesehen von den Cellisten und dem Schlagzeuger spielen alle im Stehen (wie bei manchem Barockensemble); neben der von Viola Schmitzer choreografierten Bewegungsdramaturgie gibt es Kostüme – Sophie Schliemann – von einem grenzexzentrischen Chic. Untenrum teils Pluderhosen, oben sämtlich T-Shirts mit Naturmotiven.

Und die Natur ist es, die das Motiv sein soll an diesem Abend. Mit „#freemahler“ ist er überschrieben. Es war für einen Augenblick vollkommen still im Saal, als Juri de Marco am Anfang einige Fragen zum persönlichen Austausch mit der Natur ans Publikum adressierte. Inwieweit sich so weiterführende Prozesse der Erkenntnis anstoßen lassen, scheint zweifelhaft.

Bekannt ist des späten Romantikers werkprägend verehrungsvolles Verhältnis zur Natur. Auf einschlägige Passagen querbeet fokussieren sich die als „Rekomposition“ deklarierten Überschreibungen von Franziska Aller und Alistair Duncan, Sebastian Caspar, Claas Krause sowie Malte Schiller. An die Stelle der episch-monumentalen Dimension ist eine episodische Struktur getreten.

Der Ansatz ist stiloffen, mit Fundament im Jazz. Da sind solistische oder intensiv dialogische Improvisationen, da ist ein Noisegewitter auf der elektrischen Gitarre. Bestimmte repetitive Momente klingen nach der neuesten „Neoklassik“.

Dann muten zwei Violinen im Zusammenspiel mit der Klarinette „indisch“ an und der Kontrabass streicht den Bordunton dazu. Ausgesprochen souljazzig ein Solo auf dem Baritonsaxofon. Mitunter ist das ganze Ensemble eine Band, dann wieder quasi über die eigene Dimension hinaus Orchester und es schwillt der Klang an zu einer mahlersch monumentalen Wucht.

So erlesen die musikalischen Beiträge im Detail sind, so gekonnt hier musiziert wird – das ist schon eher ein „Wohlfühlabend“ ohne eine weiterreichende Relevanz. Am Schluss, nach einer guten Stunde, jede Menge froher Jubel.

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