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Stegreif.Orchester in der Alten Oper: Heiliger Abend grüner Frömmelei

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Von: Bernhard Uske

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Stegreif.Orchester widmet sich Hildegard von Bingens „Ordo Virtutum“. Von Bernhard Uske

Gestartet wurde im Clara-Schumann-Foyer, wo mit einschlägigen „Naturlaut“-Motiven Gustav Mahlers die Einstimmung erfolgte. Einstimmung auch mit kleinen Tüten: „Samenmix Bienenwiese“ der Marke „Stegreif – The Improvising Symphony Orchestra“, versehen mit dem Claim „#bechange“. Ein Projekt des Stegreif.Orchesters, das sich für das Fratopia-Festival der Alten Oper dem 870 Jahre alten „Ordo Virtutum“ („Das Spiel der Kräfte“) der Hildegard von Bingen gewidmet hat.

Ein wahrhaft ergrünendes Projekt, wo das Orchester sich an die Hälse der Instrumente pflanzliche Fragmente, wie Zweige und Büschel, gebunden hatte. So zog man getragenen Schritts in den abgedunkelten Großen Saal. Eine Prozession von Rousseau-Zitaten auf zwei Beinen: Der Mensch ist gut von Natur aus – zurück zu ihr. Im Saal dann eine Kurzfassung des umfänglichen Mysterienspiels der Äbtissin, Politikerin, Medizinerin und Künstlerin aus Bingen, dessen monodisch-gregorianischer Stil um Seele, Tugend, Teufel, Gottesfurcht, Sache Christi, Sieg, Reue, Klage und Rettung aus Sünde kreist. Wobei man das theologische Bedeutungsfeld benediktinischer Strenge und Schärfe mit betroffenheitsaffiner Zitatauswahl entkernt hatte.

Man schritt – spielend und singend im Kreis wünschelrutengängerischer Zeremonialität. Eine 70-minütige Achtsamkeitsandacht, wo das Auftauchen des Diabolus für ein wenig neutönerisch-schlagwerkhaltige Abwechslung sorgte.

Gegen Ende, als sich die Hände zweier singender Frauen gefunden hatten, dann wieder jener Streicher-Bläser-Singsang, der wie das akustische Pendant zum Samenmix „#bechange“ wirkte: eine Prise Mutter-Erde-Meditation, Stuhlkreis, Hippietum und Den-eigenen-Namen-Tanzen-Esoterik. Neoromantik in dürftiger Zeit.

In den Termini der „Cultural Appropriation“ müsste man von einer nicht angemessenen Aneignung reden, einer profanen Ausnutzung, wo Sachverhalte einer undominanten Kultur (hier die Christologie der Hl. Hildegard und ihres benediktinischen Konvents) einer dominant gewordenen säkularen Klima-Religion kommodifiziert und damit instrumentalisiert werden.

Gelungen war der Heilige Abend grüner Frömmelei in Hinblick auf die Konzentration und das souveräne Spiel des Stegreif.Orchesters (musikalische Leitung Nikola Djurica). Zuletzt wurden einigen Zuhörern und Zuhörerinnen von Musikern und Musikerinnen die Instrumente für wenige Minuten in die Hände gelegt: eine holzige Kommunion, wobei während des Anfassens der Instrumente die Spendenden die Empfangenden tief anblickten.

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