1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Stefanie Heinzmann in Wiesbaden: Was fürs Tagebuch

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marcus Hladek

Kommentare

Stefanie Heinzmann im Park. Foto: Ansgar klostermann/RMF
Stefanie Heinzmann im Park. Foto: Ansgar klostermann/RMF © Ansgar@Klostermann.net

Stefanie Heinzmann verlässt ihr Labyrinth und landet im Wiesbadener Kurpark.

Eigentlich war die 33-jährige Walliserin für das Konzert im Kurpark Wiesbaden ja mit ihrem neuen, sechsten Album „Labyrinth“ angekündigt. Falls sie überhaupt Lieder daraus vortrug, dann maximal zwei, denn so viele flogen unerkannt an uns vorüber. Die meisten der dreizehn Nummern des Abends stammten aus dem fünften („All We Need Is Love“) und vierten Album („Chance of Rain“), der Rest aus dem dritten („Stefanie Heinzmann“) oder zweiten („Roots to Grow“), ausnahmsweise ergänzt um das auf Walliser Schwyzerdütsch statt Englisch gesungene „Ungeschminkt“.

Nun wird Erbsenzählerei dem in seiner Art wunderschönen, frühabendlichen Konzert von neunzig Minuten plus zwei Zugaben am allerwenigsten gerecht. Über weite Strecken glich es dem, was die Weißblonde mit den Raspelhaaren und der beachtlichen Tourband im Rücken mitten in „Glad To Be Alive“ selbstironisch ihren „Aerobic-Kurs“ nannte: einer schier pausenlosen Animation des Publikums zum Mitsingen, Tanzen, Klatschen. Stühle? Was ist das?

Heinzmanns volkssportlicher Ehrgeiz ging so weit, dass sie auch noch auf die letzten animierresistenten Inseln im wogenden Meer der Fans reagierte und diese zwischen den Zeilen von „Diggin’ in the Dirt“, also etwa „It doesn’t matter“ und „How many times you cried“, in direkter Ansprache von dem Wert zu überzeugen suchte, den vielerlei Therapien bei ihr unter Beweis gestellt hätten. Wie wär’s, zum Exempel, mit einer Schreitherapie? Stefanie Heinzmann angeschrien zu haben – das wäre doch was fürs Tagebuch! Sie fühle sich heute ja so wohl in ihrem Körper und sei ganz schön gerne Stefanie Heinzmann.

Calypso auf dem Hackbrett

War bislang schon von Musik die Rede? Ach ja: im Lob für die „Fonkeys“. Wer sich mit seiner Objektwerdung als Animier-Gegenstand schwertat, hatte zum Glück die Band: Ephraim Salzmann an seinem Teil der Drums und dem Walliser Hackbrett, dessen blecherner Calypso-Sound auf 88 Saiten („Ungeschminkt“, „Build a House“) die Schweiz in die Karibik verrückte. Bandleader Patrick Fa an weiteren Drums. Einen glänzenden Bassisten, den Gitarristen, den Keysspieler – nicht zu vergessen die Backgroundsängerinnen in ihren champagnergoldenen Tops. Sie alle hoben das Konzert weit über die bessere Straßenmusik vom Vorabend an gleicher Stelle, immer im Dienst der souveränen Stefanie Heinzmann.

Die Zeiten der ersten Castingwettbewerbe wie etwa Stefan Raabs „TV-total“-SSDSDSSWEMUGABRTLAD („Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf!“) nebst Wok-WM-Gaudi liegen mittlerweile ewig hinter ihr.

Heinzmanns Soul- und Funkneigung ist bekannt und half über das gelegentliche Zuviel an sentenziös-lebensphilosophischen Weisheiten hinweg: die semantische Lektion zum Wort „merkwürdig“ hier, die große Affirmation zum Wert unseres ach so einmaligen Lebens dort. Schön der ruckend-stolpernde Rhythmus von „Shadows“, das lange Hackbrett-Intro zu „Build a House“ und immer so fort.

Auch interessant

Kommentare