Stefan Schönegg

Stefan Schönegg: Aufforderung zur Achtsamkeit

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Zwei Kreise mit unterschiedlichem Umfang: Stefan Schöneggs Alben „Enso“ und „Big Enso“.

Recorder? Kennen wir: irgend so ein Aufnahme- oder Abspielgerät. Erst ziemlich weit hinten in den Worterklärungen der alten (analogen) und der zeitgemäßen (elektronischen) Wörterbücher finden wir unter diesem Lemma die Übersetzung „Blockflöte“. Wer hätte das gedacht: Ein Paetzold Recorder ist eine riesige, kastenförmige Blockflöte variierender Stimmung, deren Tonumfang sich im tiefen Register über gut zwei Oktaven erstreckt. So besteht die Bläserfraktion des Oktetts Big Enso also aus Altsaxophon und Klarinette, ungemein nuanciert und mit weichem, biegsamem Ton von Leonhard Huhn gespielt, einem Horn (Elena Kakaliagou) und dem Recorder (Miako Klein). Die Saiteninstrumente sind mit Nathan Bontrager (Viola da Gamba), Nora Krahl (Cello) und Bandleader Stefan Schönegg (Kontrabass) besetzt, und genau genommen sind auch Etienne Nillesens prepared snare drum und Rie Watanabes Basstrommel meistens Streich- und nur manchmal auch Perkussionsinstrumente.

Das Oktett Big Enso spielt, trotz seiner für Jazz-Verhältnisse fast schon orchestralen Größe, Musik von allergrößter Transparenz, Individualität, Behutsamkeit und Nuanciertheit. Virtuosität, eine performatorische Kategorie, deren Wert normalerweise im aktuellen Jazz durchaus geschätzt wird, interessiert keine und keinen dieser acht besonders. Statt dessen wird jedem einzelnen Ton, seiner Länge, Farbgebung, Verlaufsform und seinen Beziehungen zu den anderen gespielten Tönen die allergrößte Aufmerksamkeit gewidmet.

Den Zusammenhang erhören

Die Alben:

Stefan Schönegg: „Enso: Zyklus“ und „Big Enso“. Beide erschienen bei Impakt Records.

Es ist der äußerst heikle Umgang mit Zeit, Tonformung und Kontext-Bildung, die in dieser Musik einen dramaturgischen – keinen dramatischen! – Zusammenhang entstehen lässt, eine Konsequenz und einen Verlauf, der immer neue Aus- und Einblicke eröffnet. Die Abfolge der elf Kompositionen auf dem Album „Big Enso“ bildet dabei in sich einen Zusammenhang, der er-hört werden will.

Wer mit Stille nichts anfangen mag, wer improvisierte Musik als verdichtetes, vom Groove organisiertes Bühnengeschehen bevorzugt und keine Hinwendung für das Aushören von Abstufungen und miniaturistischen Ereignisfolgen aufbringen mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen. Die sanfte Aufforderung zur Achtsamkeit, die dieser Musik inhärent ist, ist von Intensität und einem freundlichen Ernst geprägt und kommt nicht mit herrschsüchtiger Ereignisfülle daher, sondern mit einer Reihe von Vorschlägen für Denkfiguren und Wahrnehmungsweisen.

Genauso verhält es sich bei der nur einige Wochen älteren Aufnahme der Band Enso, die in Quartett-Besetzung (Huhn/Bontrager/Nillesen/Schönegg) entstanden ist und daher ohne den Zusatz „Big“ auskommt. Sie ist vom gleichen Geist und den gleichen Prinzipien geprägt. Stefan Schönegg hat hier unter dem Album-Titel „Zyklus“ ein kompositorisches Programm verfolgt, das einer Spur nachgeht, die der Band-Name, das japanische Wort Enso, legt. Enso ist, wie Gerardo Scheige in den Liner Notes des anderen, des „Big Enso“-Albums, erklärt, ein mit einem Pinsel mit einer einzigen Handbewegung gemalter schwarzer Kreis auf weißem Papier: eine kalligrafische Grundform also, zugleich eine meditative Übung und ein Inbegriff des Vollkommenen, Geschlossenen sowie der aufs gestalterische Detail konzentrierten Aufmerksamkeit.

Schöneggs kompositorisches Programm nimmt diese Bewegung zum Anlass, einen Lebenszyklus in neun Abschnitten strukturiert zu gestalten beziehungsweise gestalten zu lassen. Aus einer markanten Phase der Stille entwickelt sich ein leiser, tiefer Puls, der sich nach und nach mit einem flirrenden Gewebe von Streichertönen und Altsaxophon konfrontiert. Und so schreitet die Musik programmatisch voran, über Titel wie „initium“, „progressio“ oder – etwas später schon – „senex“ und der Vollendung des Zyklus im „enso“ bis zu seinem Finale in der „waldruh“.

Schöneggs Musik zeigt sich den großen Themen, die sie gestaltet, gewachsen – nicht aus kompositorischer Genialität, sondern aus einer Idee von Musik, die den Mit-Musikern einen enorm bedeutsamen Anteil am Gelingen des Gesamtprozesses zuweist und dabei einen großen Respekt vor der Stille zeigt, der die Aufmerksamkeit steigert. Es sind letztlich die vier spielenden Individuen und ihre miteinander sich koordinierenden Klang-Strategien, die dem Thema des Zyklus seine Gestalt geben und vorm Abgleiten in Pathosgesten bewahren.

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